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Biologie

Fach: Biologie
Fächergruppe/n: Mathematik und Naturwissenschaften

Lehrziele/Studienziele:

Zu den Lehrzielen gehören die Vermittlung der theoretischen Grundlagen, der zentralen Begrifflichkeiten und Methoden der Frauen- und Geschlechterforschung in der Biologie und die Befähigung zur kritischen Reflexion biologischer Theorien sowie der Bedingungen und Prozesse biologischer Wissensproduktion aus der Geschlechterperspektive. 
Die Studierenden sollen 

  • die Bedeutung der Kategorie Geschlecht für das Fach Biologie erkennen
  • mit geschlechterperspektivischen Studien vertraut gemacht werden, die auf unterschiedlichen Ebenen die Wechselwirkungen zwischen Biologie und Geschlechterverhältnissen aufzeigen
  • die verschiedenen erkenntnistheoretischen Positionen der Frauen- und Geschlechterforschung und der Biologie kennenlernen
  • zum inter- und transdisziplinären Arbeiten befähigt werden
  • biologische Lehrinhalte im eigenen Studium der Biologie aus der Geschlechterperspektive reflektieren können.

Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Zu den Ergebnissen der Frauen- und Geschlechterforschung gehört, dass Geschlecht auch in der Biologie eine zentrale Kategorie ist und für die Entwicklung einer geschlechtergerechten Biologie wichtige Anregungen bereithält. Zentral für die Frauen- und Geschlechterforschung in der Biologie ist die Beziehung von Biologie und der gesellschaftlichen Geschlechterordnung, die von Interaktionen gekennzeichnet ist. Im Mittelpunkt der geschlechterperspektivischen Studien der Biologie steht zum einen die Frage, wie gesellschaftliche und kulturelle Vorstellungen von Geschlecht in biologisches Wissen eingeschrieben und naturalisiert werden. Zum anderen wird untersucht, wie biologisches Wissen an der Herstellung, Legitimierung, Aufrechterhaltung und Veränderung der gesellschaftlichen Geschlechterordnung teilhat. Biologisches Wissen ist demnach Teil von Geschlechterpolitik. 

Die Kategorie Geschlecht stellt in den geschlechterperspektivischen Studien der Biologie eine Analysekategorie auf struktureller, individueller und symbolischer Ebene dar. 
Die Analysen thematisieren

  • die Situation von Frauen in der Biologie als Studien- und Berufsfeld. Hier sind insbesondere zu nennen: die Biographieforschung, statistische Erhebungen zum Frauenanteil in unterschiedlichen biologischen Berufsfeldern und universitären Statusgruppen, die Analysen des Berufshabitus 'Biologe/Biologin' bzw. des Habitus biologischer Subdisziplinen, der subtilen Desintegrationsmechanismen für (angehende) Biologinnen und der Diskriminierungen und ungleichen Behandlungen der Geschlechter, beispielsweise in der Ressourcenverteilung, Peer-Review-Verfahren und Einstellungsverfahren.
  • Geschlechtereinschreibungen in die Inhalte der Biologie, insbesondere in die Wissensproduktion über Geschlechtskörper von Mensch, Tier und Pflanze. Hierzu gehören geschlechterperspektivische Analysen biologisch-medizinischer Wissensproduktion über vermeintliche Geschlechtsunterschiede des Menschen hinsichtlich Gehirn, Intelligenz, kognitiver und körperlicher Eigenschaften und Geschlechtshormone sowie Geschlechterstudien zur Evolutions- und Soziobiologie und der evolutionären Psychologie. An biologischen Darstellungen von Tieren und Pflanzen lassen sich ebenfalls Einflüsse der soziokulturellen Vorstellungen von Geschlecht und den Geschlechterverhältnissen aufzeigen. Die genannten biologischen Themenfelder sind durch die Annahme einer biologischen Determination der Geschlechtsunterschiede sowie durch androzentrische Perspektiven gekennzeichnet, die kritisch untersucht werden.
  • Geschlecht als ein strukturierendes Element der Biologie. Fokussiert werden die biologischen Paradigmen, Vorannahmen, die vermittelte Herstellung von Geschlecht und die symbolische Ebene der Geschlechterdifferenzen. Dabei werden Dichotomien in der Biologie analysiert, wie etwa Körper/Geist, Natur/Kultur und Passivität/Aktivität, die geschlechtskodiert und in einem hierarchischen Verhältnis angeordnet sind. So sind die ersten Positionen weiblich markiert und die letzteren männlich belegt und höhergestellt. Diese Struktur findet in den Subtexten biologischer Erzählungen einen Ausdruck. Sei es der aktive männliche Geist, der die Geheimnisse der passiven weiblichen Natur enthüllt, das heldenhafte Spermium, das alle widrigen Umstände überwindet und, seine Konkurrenten ausstechend, eine Eizelle wachküsst. Oder seien es die Androgene, die während der Embryogenese für die Weiterentwicklung vom weiblichen zum männlichen Gehirn sorgen. Diese geschlechtskodierten Dichotomien stellen Erkenntnis leitende Prinzipien dar, welche die Perspektiven und Wertvorstellungen von Biologinnen und Biologen beeinflussen. Sie erweisen sich als konstitutive Elemente biologischen Denkens und geben einen Rahmen vor, in dem wissenschaftliche Fragen gestellt, Erklärungen akzeptiert und Antworten gefunden werden können.
  • die Objektivitätsfrage und erkenntnistheoretische Positionen in der Biologie und in der Frauen- und Geschlechterforschung. Dabei geht es um das positivistisch geprägte Selbstverständnis der Biologie als eine objektive und wertneutrale Disziplin, die empirisches Tatsachenwissen liefert und in der Geschlecht nur als biologischer Forschungsgegenstand von Bedeutung ist. Hiernach beschreibe die Biologie Natur ausschließlich nach rationalen Erwägungen, ohne sozialen, kulturellen oder politischen Einfluss. Viele geschlechterperspektivische Studien verstehen die Biologie hingegen als ein gesellschaftliches Unternehmen und das von ihm produzierte Wissen als gesellschaftliches, kulturell geprägtes Produkt. Diesen Studien liegt eine sozialkonstruktivistische Position zugrunde, in denen der konstruierende Beitrag von Biologinnen und Biologen berücksichtigt wird. Der Einbezug sozialer, kultureller, politischer und persönlicher Faktoren in die Analysen wird dabei nicht als Vorwurf einer 'schlechten Wissenschaft', sondern als verbesserte Form von Objektivität verstanden. 

Die beschriebenen Ansätze der Frauen- und Geschlechterforschung in der Biologie beziehen keine naturwissenschaftlichen Instrumentarien mit ein, sondern bringen Methoden der Gesellschafts- und Kulturwissenschaften zum Einsatz und entwickeln diese für die jeweiligen Fragestellungen weiter. Hierzu gehören die Biographieforschung und Methoden der Wissenschaftsgeschichte, -soziologie und -philosophie, von denen insbesondere die Diskurs- und Sprachanalysen, Interviewstudien und statistischen Erhebungen sowie Laborstudien zu nennen sind. Dabei hat sich ein Forschungs- und Studienfeld etabliert, das als Gender & Science Studies bezeichnet wird und sich vom interdisziplinären zum transdisziplinären Arbeiten entwickelt hat. 

Die Frauen- und Geschlechterforschung in der Biologie ist ein Bereich der noch relativ jungen Gender & Science Studies. Sie werden seit den 1990er Jahren auch an bundesdeutschen Universitäten etabliert und zeichnen sich durch rege Diskussionen und anhaltende Wissensentwicklung aus. Aktuelle Studien wenden beispielsweise Ansätze der Queer Theory in der Biologie an und verdeutlichen heteronormative Perspektiven in der Wissensproduktion. Zunehmend wird ebenfalls die Verknüpfung der Kategorie Geschlecht mit weiteren Differenzlinien, wie etwa Rasse und Ethnie, unter dem Begriff 'Intersektionalitäten' in der Biologie in den Blick genommen.

Formen der Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Da die Frauen- und Geschlechterforschung zum einen zur kritischen Reflexion des eigenen Studienfachs am Beispiel der Kategorie Geschlecht befähigt und zum anderen eine Querschnittthematik darstellt, ist für alle Teilbereiche der Biologie mindestens ein Modul "Gender und Biologie" einzurichten. Zu empfehlen ist jedoch ein Lehrangebot von zwei Modulen mit je zwei Modulelementen (Basis- und Aufbaumodul). 

Als Basismodul würde sich eine Einführung in die Frauen- und Geschlechterforschung in der Biologie eignen. Hier sollten in einem Seminar oder einer Vorlesung die theoretischen Grundlagen und Methoden der Frauen- und Geschlechterforschung in der Biologie gelehrt und an Beispielen biologischer Teildisziplinen vertiefend behandelt werden. In einem begleitenden Tutorium sollte das Arbeiten mit Texten vermittelt und zum inter- und transdisziplinären Arbeiten hingeführt werden. Zudem können einzelne im Seminar bzw. in der Vorlesung behandelte geschlechterperspektivische Analysen ausführlich diskutiert werden. 

In einem Aufbaumodul können die vier Ebenen der Frauen- und Geschlechterforschung in vertiefenden Modulelementen (Seminaren) behandelt werden. Angeboten werden sollten hier die Seminare: "Gender im Tier- und Pflanzenreich", "Gender und die Biologie des Menschen", das für Hochschulen mit humanbiologischen Studiengängen besonders zu empfehlen wäre, und ein Seminar "Biologische Experimente reflektieren", das für Hochschulen mit Lehramtsausbildung besonders wichtig wäre. Die Studierenden sollten zwei dieser Modulelemente im Aufbaumodul abdecken. 

  • Das Modulelement "Gender im Tier- und Pflanzenreich" sollte die Verwobenheit zoologischer und botanischer Wissensproduktion mit den soziokulturellen Vorstellungen von Geschlecht behandeln. Konkret können hier folgende Themen behandelt werden: Primatologie ist Politik mit anderen Mitteln; Spiegelung der Geschlechterverhältnisse in der zoologischen und botanischen Systematik; Die Bedeutung des Begriffs 'Mutterpflanze'; Metaphern in der Biologie; Hetero-, Homo-, Inter- und Transsexualität im Tierreich.
  • Zu den Themen des Modulelements "Gender und die Biologie des Menschen" könnten geschlechterperspektivische Analysen (vermeintlich) biologisch determinierter Geschlechterdifferenzen hinsichtlich Intelligenz, Gehirn, Geschlechterrollen, Sexual- und Reproduktionsverhalten, Hormone und Chromosomen sowie die Themen Inter- und Transsexualität und Hominidenevolution gehören.
  • In dem Modulelement "Biologische Experimente reflektieren" könnten die Studierenden die konkrete Herstellung naturwissenschaftlicher Fakten in der alltäglichen Laborpraxis untersuchen. In diesem empirischen Praxisseminar sollten sie Einführungen in die Gender & Science Studies, in die in der Wissenschaftsforschung entwickelten Laborstudien und in Theorien über wissenschaftliches Experimentieren erhalten. Anschließend sollen sie selbst teilnehmende Beobachtungen in der biologischen Laborpraxis durchführen und schriftlich auswerten.

Studienphase:

Die Lehrveranstaltungen sollten zu Studienbeginn im Bachelor angeboten werden, d. h. im zweiten oder dritten Semester.

Schlagworte:

Biologie, Geschlechtskörper von Mensch/Tier/ Pflanze, Evolutions- und Soziobiologie, Dichotomien in der Biologie, Biologie, Engineering Science, Bioinformatik, Biosysteme, Technische und Angewandte Biologie, International Aquatic Tropical Ecology, Marine Mikrobiolgie, Bio-Analytik, Wasser, Chemie, Analytik, Mikrobiologie, Molekulare Biologie, Biologische Diversität und Ökologie, Humanbiologie, Life Science, Molekulare Zellbiologie, Agrarbiologie, Ecological Impact Assessment, Environmental Sciences, Neurowissenschaften, Computational Life Science, Anthropologie, Biomedizin, Molekular and Zellular Biology, Organismic Biology, Biowissenschaften, Marine Umweltwissenschaften, Didaktik der Biologie, Biochemistry, Cellular and Molecular Biology, Ecology, Verhaltenswissenschaften