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Therapiewissenschaften (Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie)

Weiter relevant für: Orthoptistik, Geburtshilfe

Fach: Ergotherapie, Geburtshilfe, Logopädie, Orthoptistik, Physiotherapie, Therapiewissenschaften
Fächergruppe/n: Medizin und Gesundheitswesen

Lehrziele/Studienziele:

Den Studierenden ist die Kategorie Geschlecht als bedeutende Einflussgröße in Praxis und Wissenschaft der nichtärztlichen Therapieberufe (Gesundheitsfachberufe) bekannt. Hierzu kennen sie theoretische Erklärungszusammenhänge seitens der Biomedizin und Sozialwissenschaften. Bedeutende empirische Arbeiten der Frauen- und Geschlechterforschung in ihren Fachdisziplinen sind ihnen vertraut. Die Studierenden haben die Kategorie Geschlecht vor allem hinsichtlich zwei bedeutender Aspekte der künftigen Entwicklung ihrer Berufe verstanden:

  1. der Prozess der Professionalisierung und
  2. das Angebot bedarfsgerechter und qualitativ hochwertiger Therapie, Rehabilitation und Prävention seitens der Physio-, Ergotherapie sowie Logopädie (PT/ET/LP).

Die Studierenden sind in der Lage, empirische Befunde gendersensibel zu analysieren und entsprechende Handlungsansätze zu formulieren. Je nach Graduierung (Bachelor- oder Masterstudium) geht es um den Erwerb der Fähigkeit zur kritischen und gendersensiblen Bewertung wissenschaftlicher Studien in den Therapiewissenschaften.

Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Die Relevanz der Kategorie Geschlecht ist bezogen auf die Therapieberufe in mindestens vier Schwerpunktbereichen zu thematisieren. Angesichts der in Deutschland aktuell erst beginnenden Akademisierung der Therapieberufe gibt es dazu mehr Fragen als wissenschaftlich begründete Antworten:

Geschlechterverhältnis in der therapeutischen Arbeit

  • Geschichte der Berufe (Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung Therapieberufe/Medizin)
  • Geschlecht in seiner Bedeutung für den aktuellen Professionalisierungsprozess, z. B. der Akademisierung

Die Berufe haben eine lange Tradition als klassische "Frauenberufe". Im 20. Jahrhundert bildeten sich die nichtärztlichen Heil- und Hilfsberufe (Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie) komplementär zu den Anforderungen der (männlichen) Medizin heraus. Es galt, dem steigenden Bedarf an nichtärztlichen Tätigkeiten (Bewegungs-, Beschäftigungs- und Sprachtherapie) zu entsprechen. Für die aktuelle Professionalisierungsphase ist dies wesentlich. Bedeutet die Akademisierung eine Geschlechtsneutralisierung der Berufe oder bleibt diesen Berufen ihr immanentes (weibliches) Geschlecht erhalten? Was heißt das für die künftige Entwicklung, z. B. die durch die Akademisierung zu erwartende stärkere Emanzipation der Therapieberufe von der Medizin? Doch auch intraprofessionell ist die Geschlechterfrage für die Professionalisierung wichtig: Was sind Arbeitsschwerpunkte von männlichen und weiblichen Therapeuten? Wie sind Gratifikationen in diesen Bereichen? Welche professionellen Kompetenzen sind in dem einen oder anderen Handlungsfeld erforderlich?

Aspekte einer geschlechtersensiblen Gesundheitsversorgung

  • Geschlecht, Gender, Geschlechtergerechtigkeit, Gender Mainstreaming: Einführung
  • Niedrigschwellige Gesundheitsdienstleistungen (Physiotherapie/Ergotherapie/Logopädie) und ihre NachfragerInnen
  • Geschlechtstypische Diagnosen in der therapeutischen Praxis
  • Therapie-, Rehabilitations- und Präventionsangebote für Männer und Frauen
  • Therapieangebote unter dem Aspekt Geschlecht/Kultur/Ethnie und soziale Schicht

Hier geht es um die Bedarfsgerechtigkeit hinsichtlich epidemiologischer Erkenntnisse und demografischer Veränderungen. Was sind Herausforderungen für die Gesundheitsversorgung von heute und morgen? Welche Therapien brauchen Männer und Frauen bzw. Jungen und Mädchen? Was sind vor dem Hintergrund einer geschlechtersensiblen Gesundheitsversorgung aktuelle und künftige Handlungsfelder von TherapeutInnen? Was bedeutet Gender Mainstreaming in der Gesundheitsarbeit/-versorgung?

Geschlecht in Konzepten therapeutischen Handelns

  • Geschlecht in den theoretischen Konzepten der Therapieberufe
  • Geschlecht in der Anwendung der Konzepte auf die therapeutische Praxis
  • Geschlechtersensible Clinical-Reasoning-Prozesse (Klinische Beweisführung)
  • PatientInnen-TherapeutInnen-Kommunikation

In diesem Abschnitt geht es um therapeutische Konzepte der Gesundheitsberufe in Theorie und Praxis. Wie geschlechtsneutral sind die Konzepte? Kommt Geschlecht explizit oder implizit vor (z. B. der Wirkort "Verhalten und Erleben" im Neuen Denkmodell der Physiotherapie von Hüter-Becker 1997). Wie effektiv sind die therapeutischen Konzepte bei Männern/Frauen? Welche Bedeutung kommt dem Geschlecht in Clinical-Reasoning-Prozessen zu? Wie sind Kommunikationsprozesse zwischen TherapeutInnen und KlientInnen, z. B. auch in der nonverbalen Kommunikation? Werden therapeutische Techniken geschlechterneutral ausgewählt?

Therapie-, Präventions- und Rehabilitationsforschung

  • Geschlechtersensible Forschung
  • Genderbias in der Gesundheitsforschung

Hier geht es um die Schulung einer Geschlechtersensibilität in der Forschung: Wer sind die AutorInnen der Studie? Wie ist die Relevanzsetzung der Frage erklärt? Welche ProbandInnen wurden einbezogen? Wie werden die Ergebnisse hinsichtlich möglicher Differenzen zwischen Männern und Frauen interpretiert? Mithilfe geschlechtersensibler Kategorien nach Eichler (1999) sind Studierende zu schulen, Studien kritisch zu bewerten bzw. ein Forschungsdesign gendersensibel zu entwickeln. Es ist beispielsweise danach zu fragen, ob Androzentrismus, Geschlechterinsensibilität, Geschlechterdichotomie oder ein doppelter Bewertungsmaßstab vorliegen (ausführlich siehe in deutscher Fassung den Leitfaden in Fuchs et al. 2002).

Formen der Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Genderthemen sind grundsätzlich Querschnittsthemen. Eine Einführungsveranstaltung zu Gender sollte im Curriculum erkennbar sein. Die weiteren Inhalte (siehe Punkte 1 - 4 in Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung) wären wie folgt zu integrieren:

  • Aspekte aus 1 sind in Modulen zur Geschichte und der künftigen Entwicklung (Professionalisierung) der Berufe zu thematisieren.
  • Aspekte aus 2 kommen in Veranstaltungen vor wie Gesundheits- und Sozialpolitik, Gesundheitswissenschaften/Public Health, Rehabilitation und Prävention.
  • Zu Aspekten aus 3 sollen in allen fachdisziplinären Lehrveranstaltungen theoretisch und praktisch Verbindungen zur Geschlechterthematik hergestellt werden. Insbesondere Veranstaltungen zu Clinical Reasoning und Kommunikation/Konfliktbewältigung sind hier entsprechend zu gestalten.
  • Aspekte aus 4 sind in Veranstaltungen zu Grundlagen- und Anwendungs-/Wirkforschung zu thematisieren.

Die Integration der Fragen nach Genderbias betreffen z. B. Module zu Forschungsmethoden und Qualitätssicherung. Je nach Level des Studiums (Bachelor als theoriegeleiteter und erster berufsqualifizierender; Master als zusätzlich u. a. theoriegenerierender Abschluss) sind die Aspekte entsprechend zu vertiefen.

Studienphase:

Die Themen, die unter 1 und 3 (Lehrinhalte) aufgeführt sind, gehören bereits ins Bachelorstudium. Im Hinblick auf eine Identitätsbildung der "neuen" - nun studierenden - TherapeutInnen sind Themen aus 1 bereits möglichst früh im Bachelorstudium anzusiedeln; 3 ist für den zweiten Teil des Studiums zu empfehlen. Inhalte aus 2 und 4 werden im Bachelorstudium zwar bereits angesprochen, vertieft bearbeitet werden sie jedoch erst in einem Masterstudium.

Schlagworte:

Orthoptistik, Geburtshilfe, Lehr- und Forschungslogopädie, Physiotherapie, Klinische Linguistik, Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung, Therapiemanagement, Musiktherapie, Physiotherapie, Ergotherapie, Sprachtherapie, Kunsttherapie, Kunstpädagogik, Music Therapy