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Politikwissenschaft, Politologie

Fach: Politikwissenschaft/Politologie
Fächergruppe/n: Gesellschafts- und Sozialwissenschaften

Lehrziele/Studienziele:

Den Studierenden sollen die theoretischen Grundlagen, empirischen Erkenntnisse und methodischen Konzepte der politikwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung vermittelt werden. Die Studierenden sollen befähigt werden, die Bedeutung der Kategorie Geschlecht im Kontext von Intersektionalität – also in Verbindung mit anderen gesellschaftlichen Differenzierungen wie  soziale Schicht, Religion, Alter, Sexualität oder Ethnie – für die unterschiedlichen Teilgebiete der Politikwissenschaft (politische Theorie, politische Systeme im Vergleich, politisches System der Bundesrepublik Deutschland, Internationale Beziehungen, Methoden) zu erkennen. Dabei lernen sie die unterschiedlichen methodischen und theoretischen Zugänge der feministischen Politikwissenschaft kennen und werden zudem befähigt, diese in den Teilgebieten der Politikwissenschaft theoretisch und empirisch anzuwenden.

Da viele AbsolventInnen des Faches später in politiknahen Bereichen der öffentlichen Verwaltung, in politischen Institutionen und Organisationen, den Medien und in der politischen Bildung arbeiten, sollen sie zudem praktische Genderkompetenz für ihre jeweiligen Arbeitsbereiche entwickeln. Grundkenntnisse der Geschlechtertheorie, der Gleichstellungspolitik und des Gender Mainstreamings bilden eine wichtige Grundlage für den beruflichen Einsatz von Gender-Kompetenz mit dem Ziel des Abbaus geschlechtlicher Diskriminierungen.

Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Die politikwissenschaftliche Geschlechterforschung begreift Geschlecht als zentrale gesellschaftliche Kategorie, die politischen Institutionen und politischen Interaktionen gleichermaßen unterlegt ist. Geschlecht wird somit als Prozess- und Strukturkategorie aufgefasst. Das heißt

  1. ihre Wirksamkeit wird als festlegende Form – etwa durch die Gewährung bzw. Nicht-Gewährung umfassender politischer Teilhaberechte (z. B. Wahlrecht) untersucht;
  2. die Kategorie Geschlecht wird als veränderndes Handeln – etwa als das bewusste oder unbewusste „doing gender” in einzelnen Politikfeldern oder in geschlechtlich aufgeladenen institutionellen Kulturen – , beispielsweise einer Verwaltung, analysiert.

In der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung kommt häufig ein weiter Politikbegriff zum Tragen, der die teilweise widersprüchlichen Beziehungen zwischen symbolischer Ordnung, politischen Institutionen, Kommunikationsprozessen und dem konkreten Handeln von Akteurinnen und Akteuren umfasst. „Politik” kann dabei z. B. aufgefasst werden als Machtspiel, als institutionalisierte Form der Herstellung legitimer Entscheidungen, als gesellschaftsverändernder Prozess oder transformierende, zielgerichtete Interaktion.
Die dabei entstehenden umfassenden formalen und informellen Regulierungen des Geschlechterverhältnisses werden auch als „Geschlechterregime” bezeichnet. Geschlechterregime des modernen Wohlfahrtstaates sind durch die widersprüchliche Inklusion und Exklusion von Frauen gekennzeichnet (z. B. Geltung des Prinzips politischer Gleichheit im demokratischen Rechtsstaat bei Beibehaltung sozialer, geschlechtlich vermittelter Ungleichheit in der faktischen Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates). Die Geschlechterverhältnisse und ihre Steuerung können dabei sowohl expliziter Gegenstand von Machtauseinandersetzungen oder politischen Entscheidungen sein. wie z. B. die Etablierung von Gender Mainstreaming in der EU, wie sie implizit Kommunikationsprozessen innerhalb eines Politikfeldes zugrunde liegen kann, wie z. B. die Geschlechterbilder von AkteurInnen in der Europäischen Kommission.

Die feministische Politikwissenschaft bearbeitet entsprechend ein theoretisch und empirisch weit aufgefächertes Spektrum an Themenfeldern und verfolgt dabei unterschiedliche empirische Methoden und differenzierte theoretische Ansätze in den einzelnen Teilgebieten der Politikwissenschaft, die hier in Anlehnung an die Fächergliederung der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft stichwortartig aufgeführt werden:

Politische Theorie

  • Grundbegriffe der Politik: kritische Re-Lektüre von Begriffen wie Macht, Gerechtigkeit, Staat, Politik, Institution, Partizipation, Repräsentation, Öffentlichkeit – Privatheit, Gewalt, Demokratie
  • Geschlecht und Wissensproduktion, Wissenschaftstheorie, Reflexion der Kategorie Geschlecht, feministische Theorie
  • Klassiker/innen der politischen Theorie: Kritik der androzentristischen Klassik (Frauenbild, Naturalisierung von häuslicher Rolle und weiblicher „Politikferne”), Sichtbarmachung feministischer Ansätze und Autorinnen
  • Moderne politische Theorie, insbesondere feministische Staats- und Demokratietheorie, Theorien der Geschlechtergerechtigkeit, Citizenship, Geschlechterdemokratie, Intersektionalität

Politische Systeme und Vergleich

  • Institutionelle Grundlagen: Wohlfahrtsstaat und Geschlechterregime im europäischen Vergleich, Rechtsstaat und Geschlecht, Geschichte und Gegenwart der Frauenbewegung, moderne soziale Bewegungen und Geschlecht
  • Politische Prozesse: insbesondere Ansätze des policy-learning, der Normdiffusion, Entscheidungstheorien, Artikulation/Problemdefinition und Agenda-Setting sowie Implementierung von policies, Lernen in Mehrebenensystemen, Prozesse von Übersetzung/Adaption/Compliance/Aushandlung
  • Politikfeldanalysen, insbesondere in ausgewählten geschlechterrelevanten Politikfeldern wie z. B. Arbeits-, Frauen-, Familien-, Gesundheits- und Sozialpolitik, in jüngerer Zeit auch Finanzpolitik (Gender-Budgeting) sowie Migrations-, Menschenrechts-, Antidiskriminierungs-, Außen- und Sicherheitspolitik
  • Europäische Innenpolitik: Artikulation und Implementierung von Gendernormen in/durch EU-Institutionen (Kommission, EP, EuGH, Rat), politische Repräsentation von Geschlecht auf europäischer Ebene, Gender Mainstreaming europäischer Politik, Rolle von Geschlechterpolitiken der Nationalstaaten auf europäischer Ebene, geschlechterpolitische Wirkungen des Erweiterungsprozesses, Weiterentwicklung von Theorien europäischer Integration
  • Internationaler Vergleich von Geschlechterregimen, Kultur und Geschlecht
  • Internationaler Vergleich: Rolle von Frauen und Frauenbewegungen in Autoritarismus und Demokratie, Rolle von Geschlechterverhältnissen in politischen und gesellschaftlichen Transformationen in Ländern des Südens, Geschlechterverhältnisse in Krieg und Frieden, Geschlecht und Gewalt, Geschlecht und Globalisierung
  • Geschlechterverhältnisse in den Regionalstudien: alle Regionen, alle Politikfelder sowie institutionelle Grundlagen, Wahrnehmung des „Südens” durch den Norden, Stereotypen und Rassismen

Innenpolitik und politisches System der Bundesrepublik Deutschland

  • Institutionelle Grundlagen: Geschlechterkulturen von Institutionen, Geschlechtergeschichte von Institutionen (Gewährung des Wahlrechts, Repräsentation von Frauen), Analyse von Geschlechterregimen
  • Politische Willensbildung und Interessenvermittlung: Partizipation von Frauen im politischen System und in seinen zentralen Institutionen/Organisationen (Parteien, Verbänden, Parlament, Wahlen), Rolle der Frauenbewegungen
  • Politikfeldanalysen: v. a. wohlfahrtsstaatliche Politik (Arbeits-, Sozial-, Familien-, Frauenpolitik), aber auch Finanz- und Sicherheitspolitik, Migrations-/Integrationspolitik, Gender Mainstreaming
  • Politik in Mehrebenensystemen/Deutschland in der Europäischen Union: Rolle nationalstaatlicher Politik für institutionelle und policy-abhängige Entwicklung der Geschlechterpolitik der EU, Implementation der EU-Geschlechterpolitik

Außenpolitik und Internationale Beziehungen

  • Grundfragen und Theorien der Internationalen Beziehungen: feministische Kritik und Weiterentwicklung der zentralen Theorieansätze (Neorealismus, Idealismus, Institutionalismus/Regimetheorie, Konstruktivismus)
  • Außenpolitik: bisher sehr wenig erforschtes Feld, Repräsentation von Frauen in Diplomatie und Außenpolitik, Gender Mainstreaming in Außenpolitik
  • Institutionen und Prozesse grenzüberschreitender Politik: Repräsentation von Frauen in internationalen Organisationen und Prozessen, Globalisierung und Geschlecht, Migration als neues Thema der IB, Internationale und Transnationale Frauenbewegungen, Transnationalisierung von Gendernormen, insbesondere von Frauen-Menschenrechten, besondere Rolle der Vereinten Nationen und der großen Frauenkonferenzen, UN-Frauendekade, Implementation und Wirkung von CEDAW (Anti-Diskriminierungs- und Frauenschutzkonvention der UN), Entwicklungspolitik
  • Sicherheitspolitik, Friedens- und Konfliktforschung: konzeptionelle Kritik von Kernbegriffen (Krieg, Gewalt, Frieden, Sicherheit), En-Gendering von konkreten Prozessen der Konfliktbearbeitung, Mediation und Friedensschließung, Rolle und Situation von Frauen, Männern, Jungen, Mädchen in konkreten Konflikten und Kriegen

Methoden

  • Wissenschaftstheoretische Grundlagen: Kritik von Androzentrismus und Positivismus, Geschlechterbilder in der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte
  • Qualitative und quantitative Methoden (einschließlich statistischer Verfahren): insbesondere mixed methods und Triangulation, intensive Auseinandersetzung mit ethnografischer Forschung, Reflexion der Rolle von Geschlecht im Forschungsprozess
  • Methoden des Vergleichs: entwickelt sich seit jüngerer Zeit v. a. im Rahmen der feministischen policy-Forschung, Methodendebatte der Regionalstudien

Praxis

  • Erwerb von Genderkompetenz für politische Institutionen und Organisationen, v. a. mit Blick auf die Umsetzung von Gender Mainstreaming und Gleichstellungspolitik
  • Erwerb von Wissen über Gender-Dimensionen in unterschiedlichen Politikfeldern, Sensibilisierung für Benachteiligungen, insbesondere auch im Zusammenhang mit anderen Strukturkategorien wie ethnisch-religiöse Zugehörigkeit und Schicht (Intersektionalität)
  • Kenntnis konkreter Programme und Maßnahmen wie beispielsweise „total e-quality” oder „Audit Familie und Beruf” bzw. „Familiengerechte Hochschule” oder „Diversity-Management-Pläne” von Unternehmen, Erwerb von Wissen über die Probleme der Entwicklung und Implementierung von gender-sensiblen und geschlechtergerechten Maßnahmen

Formen der Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Die Geschlechterforschung hat Eingang in alle Forschungsbereiche der Politikwissenschaft gefunden, sodass spezielle Module zu jedem Teilbereich ebenso denkbar sind wie einführende Überblicksveranstaltungen. Grundsätzlich ist der Geschlechteraspekt ein Querschnittsthema. Die vorgenannten Inhalte, Theorien und empirischen Ergebnisse sollten also in alle grundlegenden und weiterführenden Unterrichtseinheiten der politikwissenschaftlichen Teilbereiche integriert werden. Dazu müssten in allen Teilbereichen Theorien des Geschlechts und der Geschlechterverhältnisse sowie ihre aktuellen empirischen Ausprägungen thematisiert werden. Dies ist unter den derzeitigen Bedingungen der fachlichen Orientierungen des Mainstreams der FachvertreterInnen nicht in allen Fällen zu erwarten.

In den Einführungsveranstaltungen und Überblicksvorlesungen der grundständigen Lehre der Teilbereiche im Bachelor sollte ein inhaltlicher Block zu Theorien des Geschlechterverhältnisses ebenso einbezogen werden wie Erkenntnisse aus den Teilbereichen der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung. Geschlecht als gesellschaftliche Strukturkategorie sollte in allen Themen der Einführungsveranstaltungen transparent gemacht werden. In der Methodenlehre können die erlernten empirischen Methoden auf Themenfelder aus dem Bereich der Geschlechterforschung angewendet werden.

Soweit die systematische und umfassende Integration der Inhalte der politikwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung in den genannten Teilbereichen nicht gesichert werden kann, empfiehlt sich das Angebot ausgewiesener Gender-Seminare in den Teilbereichen, die exemplarisch in Kernkonzepte der politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung einführen. Solche Grundlagenangebote für die Teilbereiche (z. B. Einführung in die feministische Policy-Forschung, Einführung in die feministische IB) sollten in die Bachelorphase integriert werden. Sie können für alle Teilbereiche (Politische Theorie, Politischer Systemvergleich, Internationale Politik, Innenpolitik und System der BRD, Methoden) entlang der oben skizzierten Themenfelder ausgerichtet werden.

In der Masterphase sollten dann ausgewählte Themen der einzelnen Teilbereiche vertieft und spezifiziert werden. Dieses Angebot sollte mit Blick auf die an der jeweiligen Universität ausgeprägten fachlichen Ausrichtungen und Spezialisierungen in enger Abstimmung mit den anderen FachkollegInnen geschehen. Auch die Master-Angebote können für alle Teilbereiche (Politische Theorie, Politischer Systemvergleich, Internationale Politik, Innenpolitik und System der BRD, Methoden) entlang der oben skizzierten Themenfelder ausgerichtet werden.

Studienphase:

Die Inhalte der grundständigen Lehre sollten vor allem in die Einführungsveranstaltungen des Bachelor-Studiengangs integriert werden (1. bis 3. Semester). Die Inhalte der vertiefenden Module sollten Bestandteil der Lehre in höheren Semestern des Bachelor-Studiengangs (3. bis 6. Semester) sowie im Master-Studiengang sein.

Schlagworte:

Politische Wissenschaften, Didaktik der Sozialkunde, Internationale Beziehungen, Sozialkunde, Gender Studies, Kultur, Kommunikation, Wirtschaft und Politik, Politische Wissenschaft, European and World Politics, Politikmanagement, International Politics and History, Global Governance, Integrierte Europastudien, Internationale Beziehungen, Staatswissenschaften, Didaktik der Sozialkunde, Wirtschaft, wissenschaftliche Politik, Green Politics, Öffentliche Verwaltung, Politik, Global Political Economy, Politik- und Verwaltungsrecht, Friedens- und Konfliktforschung, Politik und Recht, Politik und Wirtschaft, Public Administration, Wirtschaftspolitik, Internationale Beziehungen, Politische Bildung, Ost-West-Studien, Friedensforschung, Internationale Politik, vergleichende Politikforschung, Verwaltung und Recht