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Raumplanung und Stadtplanung

Fach: Raumplanung, Stadtplanung
Fächergruppe/n: Ingenieurwissenschaften

Lehrziele/Studienziele:

Den Studierenden sollen die theoretischen Grundlagen, empirischen Erkenntnisse und methodischen Konzepte der raumbezogenen Frauen- und Geschlechterforschung vermittelt werden. Die Studierenden sollen befähigt werden, die Bedeutung der Kategorie Geschlecht (und anderer gesellschaftlicher Differenzierungen wie Schicht oder Ethnie) für die Raumentwicklung und die Raumplanung zu erkennen und die Ansätze, Methoden und Verfahren einer gesellschaftliche Differenzierungen einbeziehenden, auf den Ausgleich von Benachteiligungen gerichteten Raumplanung anzuwenden.

Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Im Mittelpunkt der Arbeiten der raumbezogenen Frauen- und Geschlechterforschung steht die Frage nach den Wechselwirkungen zwischen den gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen und räumlichen bzw. raumzeitlichen Strukturen. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich das gesellschaftliche Geschlechterverhältnis in räumlichen Strukturen auf symbolischen, rechtlichen, funktionalen, materiellen Ebenen manifestiert und dass Veränderungen des gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisses mit Veränderungen der raumzeitlichen Strukturen einhergehen müssen. Aufgabe einer geschlechtersensiblen bzw. geschlechtergerechten Raumplanung ist die Entwicklung von Theorien, Methoden und Konzepten zu einer geschlechtergerechten Raumentwicklung.

Im Bereich der Theorie geht es insbesondere

  • um eine Raumtheorie, in der die Bedeutung von Geschlecht und anderen Formen sozialer Differenzierungen im Prozess der Konstitution von Raum analysiert wird. Hierbei werden neben sozialen, ökonomischen, politischen und rechtlichen Faktoren auch philosophische bzw. kulturelle Aspekte (z. B. zur geschlechtlichen Konnotation der Dichotomie von Öffentlichkeit und Privatheit in ihrer historischen Entwicklung oder zur geschlechtlichen Konnotation von Natur und Kultur) einbezogen.
  • um eine Planungstheorie, in der die in den herrschenden Planungsparadigmen in Vergangenheit und Gegenwart implizierten androzentrischen Vorstellungen über das Geschlechterverhältnis aufgedeckt und Alternativen aufgezeigt werden. Beispielhaft genannt sei hier das Paradigma der Funktionstrennung, das die tradierte geschlechtsspezifische Arbeitsteilung (mit der Zuständigkeit von (Haus-)Frauen für die Versorgungsarbeit) voraussetzt, ohne diese Voraussetzung jedoch explizit zu machen. Die Frauen- und Geschlechterforschung hat solche Androzentrismen in allen Planungsbereichen aufgezeigt und teilweise alternative Planungsparadigmen (z. B. „Funktionsmischung”, „Entschleunigung statt Beschleunigung”, „Alltagsorientierung der Planung” usw.) formuliert. Dabei geht es um Planungsansätze, die eine geschlechtergerechte Entwicklung mit ökologischen Grundsätzen verbinden und so zu einer nachhaltigen Entwicklung führen.
  • um eine Theorie des Planungsprozesses und seine gesetzlichen Grundlagen, in der der Geschlechterbias im Planungsprozess und insbesondere in den Entscheidungsstrukturen aufgedeckt und Alternativen aufgezeigt werden. Dabei sind nicht nur die Prozesse der hoheitlichen Planung mit ihren hierarchischen Entscheidungsstrukturen, sondern auch informelle Planungsverfahren, in denen nicht zuletzt ökonomische Potenziale entscheidungsrelevant sind, zu berücksichtigen. Im Zentrum der Alternativen steht die Anwendung des Gender Mainstreamings in der Planung (einschließlich des „Gender Budgeting”) und das „Gender Planning”.

Im Bereich der Empirie geht es insbesondere

  • um die Bedeutung geschlechtsspezifischer Unterschiede der sozialen, ökonomischen und kulturellen Lebensbedingungen und Normen für raumzeitliche Nutzungsanforderungen sowie die Möglichkeiten und Formen der Raumaneignung
  • um die unterschiedlichen Raumstrukturen auf Länder-, regionaler und lokaler Ebene und ihre geschlechtsspezifischen Auswirkungen auf die Lebensbedingungen
  • um die geschlechterdifferenten Auswirkungen raumstruktureller Veränderungen im Zuge sozialer, ökonomischer und politischer Transformationsprozesse
  • um die Bedeutung des Wandels der Geschlechterverhältnisse, insbesondere veränderter Arbeits-, Lebens- und Wohnformen von Frauen, in unterschiedlichen sozialen Situationen auf die Raumentwicklung und die Raumnutzung
  • um die Auswirkungen des sozialen und demografischen Wandels und den damit verwobenen Wandel der Geschlechterverhältnisse auf die Raumentwicklung und die Raumnutzung
  • um die raumbezogenen Geschlechterverhältnisse in unterschiedlichen Gesellschaftsformen

Im Zentrum der vielfältigen empirischen Arbeiten der raumbezogenen Frauen- und Geschlechterforschung stehen nach wie vor die Implikationen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und die damit verbundene Vereinbarkeitsproblematik „Beruf und Familie”, der Zugang zum Erwerbsarbeitsmarkt, die raumstrukturelle Unterstützung der Versorgungsarbeit, eine geschlechtergerechte Gestaltung der Wohnung und des Wohnumfelds einschließlich seiner sozialen Aspekte sowie die Möglichkeiten einer unbeschränkten, freien und gleichberechtigten Mobilität und Raumnutzung, der nach wie vor geschlechtsspezifische, ökonomische, soziale und kulturelle Beschränkungen entgegenstehen. Ein weiterer Themenbereich ist die Analyse der Wechselwirkungen von Geschlecht und Raum in nicht westlichen Gesellschaften.
Dabei ist Geschlecht nicht als isolierte Kategorie, sondern im Zusammenwirken (Intersektionalität) mit anderen sozialen Differenzierungen (wie Klasse/Schicht, Ethnie, Herkunft, Hautfarbe, sexuelle Orientierung usw.) zu betrachten.

Auch im Themenbereich Planungspraxis geht es um drei unterschiedliche Fragestellungen.

  • Zum ersten geht es darum, auf der Grundlage der empirischen Analysen konkrete Konzepte sowohl für die integrierende Planung als auch die unterschiedlichen Fachplanungen zu entwickeln. Diese Planungsansätze tragen zum einen spezifischen, im Mainstream vernachlässigten raumzeitlichen Anforderungen von Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen an den Raum Rechnung und versuchen zum anderen, die in die räumlichen Strukturen eingeschriebenen Geschlechterhierarchien aufzulösen und so zur Aufhebung hierarchischer Geschlechterverhältnisse beizutragen. Zu nennen sind hier insbesondere Arbeiten

    • zum öffentlichen Raum und dessen uneingeschränkter Zugänglichkeit
    • zur Funktionalität und Zugänglichkeit des Wohnungsangebots
    • zum Angebot an sozialer und Versorgungsinfrastruktur
    • zum Verkehrsangebot
    • zur Regionalentwicklung
    • zur Stadtentwicklung
    • zur sozialräumlichen Entwicklung

  • Zum zweiten geht es um die (Um-)Gestaltung im Sinne des Gender Mainstreaming sowie um die Integration geschlechtergerechter (den Geschlechterbias überwindender) Partizipationsmodelle.
  • Ein dritter Themenbereich ist die Berufspraxis von Planerinnen und Planern, in dem Geschlechterdifferenzen in den Planungsberufen nachgegangen sowie der Beitrag von Frauen zur Entwicklung der Raumplanung thematisiert wird. Hieraus können sich Hinweise auf die fachliche Schwerpunktsetzung im Studium ergeben (indem Arbeitsfelder, die für Frauen in der Berufspraxis besonders relevant sind, ein höheres Gewicht bekommen).

Die vorgenannten Themenstellungen sind nicht als abgeschlossener Wissenskanon zu verstehen, sondern als Hinweise auf das breite Themenspektrum der raumbezogenen Frauen- und Geschlechterforschung, die in einem lebhaften wissenschaftlichen Diskurs erweitert und verändert wird. Aktuelle Diskussionen beziehen sich insbesondere auf die Frage der Differenzen zwischen Frauen (und Männern) bzw. die Intersektionalität unterschiedlicher sozialer Differenzierungen sowie auf die Frage nach der Bedeutung sozialer Konstruktionsprozesse von Geschlecht, die keine einfachen Antworten auf die Frage nach einer geschlechtergerechten Planung (mehr) möglich machen. Umso mehr ist jedoch die Einbeziehung sozialer Differenzierungen und gesellschaftlicher Hierarchisierungen in Theorie und Praxis der Planung unumgänglich.

Formen der Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Grundsätzlich ist der Geschlechteraspekt ein Querschnittsthema. Die vorgenannten Inhalte sollten also idealiter in die verschiedenen Studienfächer integriert werden. Dazu müssten zum einen in den Grundlagenfächern Theorien des Geschlechts und der Geschlechterverhältnisse sowie ihre aktuellen empirischen Ausprägungen thematisiert und darüber hinaus sowohl in den planungstheoretischen Fächern als auch in allen Fächern der integrierenden und der Fachplanungen die oben skizzierten Theorien, Forschungsergebnisse und Planungskonzepte der Frauen- und Geschlechterforschung thematisiert, also in den Mainstream integriert werden. Dies ist unter den derzeitigen Bedingungen der fachlichen Orientierungen des Mainstreams nicht in allen Fällen zu erwarten.

Soweit die Integration der Inhalte der raumbezogenen Frauen- und Geschlechterforschung in alle Module nicht gesichert werden kann, empfiehlt sich das Angebot eines „Gender-Moduls” bzw. von Modulelementen zur raumbezogenen Frauen- und Geschlechterforschung in Theorie, Empirie und Praxis. Solche Modulelemente könnten sein:

  1. Modulelement „Raum und Geschlecht”, mit den theoretischen Grundlagen der raumbezogenen Frauen- und Geschlechterforschung
  2. Modulelement „Planungstheorie und geschlechtergerechte Planungsverfahren”, in dem Androzentrismen der herrschenden Planungstheorie aufgezeigt und alternative Planungsverfahren (Gender Mainstreaming, Partizipationsmodelle) vorgestellt werden
  3. Ein oder mehrere Modulelemente „Gender Planning” zu einem oder mehreren ausgewählten Planungsbereichen (z. B. Stadtplanung, Regionalplanung, Verkehrsplanung, Wohnungswesen usw.), in denen die empirischen Befunde der raumbezogenen Frauen- und Geschlechterforschung dargestellt und darauf aufbauende „geschlechtergerechte” Planungskonzepte vorgestellt werden.

Studienphase:

Die vorgenannten Inhalte sollten in die grundständigen Studiengänge (Bachelor-Phase) integriert werden. Das erste Modulelement ist ab dem zweiten oder dritten Semester sinnvoll, die weiteren in späteren Semestern. Sehr sinnvoll scheint darüber hinaus eine Vertiefung in Masterstudiengängen.

Schlagworte:

Planung, Umwelt, Stadt, Raum, Raumentwicklung, Raumstruktur, Öffentlichkeit, Privatheit, Nutzung, Entschleunigung, Verkehr, Stadt- und Regionalplanung, Raum- und Umweltplanung, Regionalwissenschaften, Umweltmanagement, Infrastrukturplanung, Raumplanung, Stadtplanung, Verkehrsplanung