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Theologie (evangelisch)

Weiter relevant für: Katholische Theologie

Fach: Theologie, evangelisch
Fächergruppe/n: Geisteswissenschaften

Inhalt:

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Lehrziele:

Die Studierenden sollen die theoretischen Grundlagen sowohl der feministisch-theologischen als auch der genderorientierten theologischen Arbeit kennenlernen. Sie sollen die Relevanz der Kategorie Geschlecht in den verschiedenen Disziplinen anhand grundlegender Standardansätze, -werke und -texte erkennen. Sie sollen die wissenschaftlichen Methoden der einzelnen Disziplinen mit Hilfe gendersensibilisierter Zugänge kritisch reflektieren lernen. Dabei ist gleichzeitig auf die Anschlussfähigkeit theologischen Fragens und Forschens an die Gender- und Diversity-Debatten in den Geschichts-, Kultur-, Gesellschafts- und Sozialwissenschaften zu achten.

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Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Versteht man unter Genderforschung die Rekonstruktion und Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht (als sex und gender) in Bezug auf Frauen und Männer, dann steht die seit den 1970er Jahren in Deutschland entstandene feministische Theologie noch am Anfang dieses Prozesses. Aufgrund deren Selbstverständnisses als Vertreterin einer Befreiungstheologie wird die Genderforschung von dezidiert feministischen Forscherinnen der ersten Stunde zum Teil explizit abgelehnt, weil jene Forschung vor allem die Frage nach der Geschlechterdifferenz und -konstruktion und nicht die nach Frauenbefreiung artikuliere. Konstitutiv ist die Verweigerung einer allgemeinen Definition: „Es gibt nicht die feministische Theologie, sondern eine Vielfalt unterschiedlichster Ansätze und Ausprägungen." (Luzia Scherzberg, Grundkurs Feministische Theologie, Mainz 1995, 18). Als gemeinsames Merkmal verbindet feministische Theologie und theologische Genderforschung, dass beide jeweils überkonfessionell und interdisziplinär arbeiten. Die mittlerweile in allen Disziplinen der Theologie etablierte Genderforschung besteht aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Ausprägungen und Ansätzen. So schlagen sich etwa Intersektionalitätsdebatten, Männlichkeitsforschung und Queer Theory in fast allen theologischen Disziplinen nieder. Da es „die“ feministische Theologie und theologische Genderforschung nicht gibt, sondern eine große Vielfalt und Disparität, verstehen sich die folgenden Vorschläge nur als grobe Richtlinien bzw. Anregungen.


Darstellung der einzelnen Fachteile/-gebiete:

In den exegetischen Disziplinen (AT und NT) geht es um das Kennenlernen sozialwissenschaftlicher, kulturwissenschaftlicher, archäologischer und feministischer Methoden der Bibelauslegung und der historischen Erforschung der biblischen Literaturen und ihrer Umwelt, wie sie beispielsweise von Luise Schottroff, Marie-Theres Wacker, Sylvia Schroer und Irmtraud Fischer repräsentiert werden. Aus dem US-amerikanischen Raum sind Anregungen zu Men and Masculinity in the Hebrew Bible zu integrieren.

In der systematischen Theologie geht es um geschlechtsspezifische Konnotationen innerhalb dogmatischer Systeme. Hier ist zuerst eine kritische Analyse der metaphorischen Rede von bzw. über Gott vorzunehmen, wie sie beispielsweise durch die – zugegebenermaßen radikale – Kritik Mary Dalys angestoßen wurde. Insbesondere werden männlich konnotierte Gottesbilder oder auch eine vorwiegend androzentrische Anthropologie und Hamartiologie in den Blick genommen. So stellt beispielsweise die feministische Sündenlehre Judith Plaskows die Definition der Sünde als Stolz und Selbstüberhebung in Frage und sieht die Selbstverneinung als angemessenere Sündenkategorie für Frauen. Neuere Konzepte feministischer Ethik sehen in der Frauensolidarität/Schwesterlichkeit einen gesellschaftlichen Wert, der im androzentrischen Wertekanon nicht vorkomme (vgl. Ina Praetorius). Regina Ammicht-Quinn befragt kritisch herkömmliche Christologien und arbeitet an einer neuen Theologie inkarnatorischer Körperlichkeit.

In der historischen Theologie geht es um die bislang zwar erforschte, aber in Überblicksdarstellungen kaum integrierte Position von Frauen in Kirchen und Gemeinden im Sinne einer ergänzenden Frauengeschichtsforschung. Hier ist auf eine Wende zu einer durch Gender- und Diversityforschung gestützten Geschichtsschreibung hinzuarbeiten, die methodisch innovativ Aspekte der Frömmigkeits- und Mentalitätsgeschichte berücksichtigt. Hierbei müssten die Methoden und Perspektiven der neueren Kulturgeschichte sowie aus der Genderforschung das Konzept des Doing/Undoing Gender, der hegemonialen Männlichkeit, der Queer-Studies und der Intersektionalität reflektiert und integriert werden. Religiöse Konstruktionsprozesse von Geschlechterrollen, Sozialisations- und Erziehungsvorgänge und religiös konnotierte Hierarchisierungen sind ebenso in den Blick zu nehmen wie spezifisch gegenderte Frömmigkeitsformen und religiöse Lebenswelten.

In der praktischen Theologie müssten Implikationen einer gegenderten Homiletik und Liturgik genauso diskutiert werden wie innerhalb der Religionspädagogik die heutigen Ansätze eines geschlechtergerechten KonfirmandInnen- und Schulunterrichts. Gefragt wird auch nach der bislang fehlenden Repräsentation von Weiblichkeit/weiblichen Vorbildern in religionspädagogischen Zusammenhängen (vgl. Annebelle Pithan, Gender, Religion, Bildung, 2009). Darüber hinaus wird nach der Integration und Begleitung pluraler geschlechtlicher Lebensformen in Identitätsbildungsprozessen und im täglichen Leben der Kirche bei Gottesdiensten, Kasualien und in der Seelsorge und Gemeindearbeit zu fragen sein (Ulrike Auga, Michael Brinkschröder, Isolde Karle). Hier kann eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Religionswissenschaften fruchtbar sein (Márcia Elisa Moser).


Methodische und theoretische Zugänge:

Aufgrund der großen Disparität des Forschungsfeldes ist es notwendig, verschiedene hermeneutische Zugänge (u. a. der befreiungstheologische von Elisabeth Schüssler-Fiorenza) kritisch zu reflektieren und miteinander zu vergleichen. Die Geschlechterforschung kann mit Michel Foucault oder Joan Scott nach Diskursen und kulturellen Konstruktionsprozessen forschen, die Machtverhältnisse in gesellschaftlichen Verhältnissen erzeugen und festigen. Geschlecht lässt sich als „Marker“ verstehen, der soziale Prozesse und Logiken hierarchisch gliedert. Historisch lässt sich mit Claudia Opitz-Belakhal und vielen anderen nach gegenderten Frömmigkeitsformen fragen. Insbesondere das Verhältnis von Körper und Leiblichkeit zur Biologie und zu medizinischen Zugriffen ist ein Forschungsgebiet, das alle Disziplinen der Theologie betrifft. Gerade aufgrund einer globalisierten Migration sind verstärkt Probleme der Intersektionalität von race, class und gender in allen theologischen Arbeitsfeldern zu diskutieren.

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Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Statt eines Gender-Moduls empfiehlt sich die Aufnahme eines Modulelements in jedes fachspezifische Modul der einzelnen Disziplinen. So würde gewährleistet, dass jede Disziplin sich mit der Genderforschung in der eigenen Disziplin auseinandersetzt. Anregungen zu thematischen Veranstaltungen lassen sich aus der angegebenen Literatur entwickeln (s.u.).

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Studienphase:

Eine grundlegende Einführung in die Genese und Theorien der Genderforschung als Überblicksvorlesung böte sich für das Grundstudium an. Im Hauptstudium würden die Inhalte dann jeweils fachspezifisch vertieft (s. o.).

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