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Psychologie

Fach: Psychologie
Fächergruppe/n: Gesellschafts- und Sozialwissenschaften

Lehrziele/Studienziele:

Den Studierenden sollen die theoretischen Grundlagen, empirischen Erkenntnisse und methodischen Konzepte der psychologischen Frauen- und Geschlechterforschung vermittelt werden. Die Studierenden sollen befähigt werden, die Bedeutung der Kategorie Geschlecht für psychologische Fragestellungen sowohl forschungs- als auch anwendungsbezogen zu erkennen und mit diesen Kenntnissen dazu beitragen, Gleichstellung der Geschlechter in unterschiedlichen Lebensbereichen zu erreichen.

Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Die Kategorie Geschlecht muss in der Psychologie unter mindestens drei Aspekten thematisiert werden:

  • das biologische Geschlecht („sex”) und die damit verbundenen Auswirkungen auf Denken, Fühlen und Handeln des Individuums; dies wird beispielsweise in evolutionär orientierten Theorien erörtert, ähnlich auch in bio-psychologisch orientierten Theorien
  • das psychologische Geschlecht bzw. das Geschlechtsrollenselbstkonzept („gender”), d. h. die Sichtweise, die ein Mensch über sich selbst als Frau oder Mann entwickelt und die eine dynamische Komponente des allgemeinen Selbstkonzepts darstellt; dies wird beispielsweise in Theorien zur Entwicklung der Geschlechtsidentität oder in Theorien zur Stabilität und Dynamik des Geschlechtsrollenselbstkonzepts im Lebenslauf und in Abhängigkeit von spezifischen biographischen Erfahrungen thematisiert;
  • das soziale Geschlecht bzw. die soziale Geschlechtsrollenkategorie (ebenfalls „gender”), d. h. die Sichtweise, die eine Gesellschaft bezüglich der Eigenschaften „typischer” Frauen und Männer hat und die sich in Form von – hoch änderungsresistenten – Geschlechterstereotypen äußert; dies wird beispielsweise in Theorien zur Entstehung und Funktion von Stereotypen oder in Theorien, die sich mit der Auswirkung der sozialen Rollen auf die Beurteilung der RollenträgerInnen beschäftigen, thematisiert. 

Eine vierte Perspektive wäre gegebenenfalls ebenfalls sehr hilfreich, nämlich die Zeit- und Kulturperspektive, d. h. die Betrachtung der verschiedenen Aspekte von „Geschlecht” vor dem Hintergrund verschiedener Kulturen und verschiedener Epochen. Entsprechende theoretische Ansätze wurden in neuerer Zeit als integrative Konzeptualisierungen von „sex” und „gender” vorgestellt.

Bei diesen verschiedenen theoretischen Zugangswegen (biologisch, individual- und entwicklungspsychologisch, sozialpsychologisch, kulturpsychologisch) ist es besonders wichtig, die Spezifität der Zugangswege, aber auch die Notwendigkeit ihrer Integration in ein umfassendes psychologisches Konzept von „Geschlecht” herauszuarbeiten.

Im Bereich der Empirie sind diese verschiedenen theoretischen Zugangswege zu „Geschlecht” durch exemplarische Studien zu vertiefen.

Bei der evolutionären und der biologischen Betrachtungsweise beispielsweise geht es zum einen darum, zu zeigen, wie sich die unterschiedlichen evolutionären Aufgaben der Geschlechter auf ihre psychologischen Eigenschaften auswirken, wie hormonelle Faktoren das Sozialverhalten beeinflussen, aber auch, zu zeigen, dass Mechanismen, die als evolutionär gedacht sind (beispielsweise geschlechtsspezifischer Partnerwahlpräferenzen), sich in Abhängigkeit von den kulturellen Lebensverhältnissen der Geschlechter unterschiedlich darstellen, d. h. nicht „naturgegeben” sind.

Bei der entwicklungspsychologischen Betrachtungsweise ist herauszuarbeiten, wie sich die Geschlechtsidentitätsentwicklung beim Kind vollzieht und wie bedeutsam eine stabile Geschlechtsidentität für das psychische Wohlbefinden ist. Andererseits sind unter sozialisationstheoretischer Perspektive geschlechterdifferente Sozialisationsinstanzen zu analysieren, die möglicherweise zu einer Verfestigung bestehender Geschlechterstereotype beitragen.

Bei der differentialpsychologischen Perspektive ist besonders wichtig zu zeigen, wie sich Geschlechtsunterschiede historisch (die letzten 100 Jahre beispielsweise) darstellen. So sind Geschlechtsunterschiede in kognitiven Leistungen im Laufe des letzten Jahrhunderts nahezu verschwunden, was in erster Linie auf die angeglichenen Bildungschancen von Mädchen und Jungen zurückzuführen ist. Metaanalysen zu Geschlechtsunterschieden in psychologischen Eigenschaften zeigen darüber hinaus konsistent, dass diese stereotyp überschätzt werden.

Bei der sozialpsychologischen Betrachtungsweise geht es um „gender in context”, also darum, wie Geschlecht in sozialen Situationen durch die Beteiligten auch konstruiert wird: „Geschlecht” ist die Kategorie, die bei der Wahrnehmung einer anderen Person mit am ersten auffällt und damit werden weitere Implikationen dieser Geschlechtskategorie aktiviert, die dann zu einer „geschlechtstypischen” Beurteilung führen können. Somit perpetuieren Erwartungen Unterschiede, die de facto kaum vorhanden sind. Bei der sozialpsychologischen Betrachtungsweise geht es darüber hinaus darum, zu zeigen, dass die Rollen, die Menschen ausüben, sowohl ihre eigenen Eigenschaften und ihr Selbstkonzept verändern können, als auch, dass diese Rollen Auswirkungen auf die Zuschreibung von Eigenschaften durch Andere haben. So werden beispielsweise Personen, die Familienrollen einnehmen, anders beurteilt als Personen, die Rollen am Arbeitsplatz einnehmen, und so wirkt sich der Erfolg, den eine Person in ihrer Arbeitsrolle hat, auf Eigenschaften und Selbstkonzept aus. Die sozialpsychologische Perspektive ist besonders wichtig in Bezug auf die Wechselwirkung von gesellschaftlichen Bedingungen und Rollenverteilungen von Frauen und Männern auf die Fremdzuschreibung und Selbstzuschreibung „passender” psychologischer Eigenschaften.

Alle diese Ansätze sollen dazu beitragen, die Bedeutung einer geschlechtssensiblen Herangehensweise in den meisten Teilbereichen der Psychologie zu betonen und gleichzeitig die Anwendungsrelevanz der Thematik herauszuarbeiten.

Die Anwendungsrelevanz bezieht sich neben den oben angedeuteten Fragestellungen der biologischen, Entwicklungs-, differentiellen und Sozialpsychologie auch auf die Klinische, die Pädagogische und die Arbeits- und Organisationspsychologie sowie auf weitere Anwendungsfelder. Hier einige Beispiele:

  • Klinische Psychologie: Geschlechtsspezifische Störungsbilder und deren Zusammenhang mit den Lebensbedingungen dieser Personen (internalisierende vs. externalisierende Störungen; Störungsformen bei Personen in unterschiedlichen Rollenkontexten);
  • Pädagogische Psychologie: Bildungsbeteiligung und Bildungsförderung von Mädchen und Jungen; Fragen der Koedukation; geschlechtsspezifische LehrerInnenerwartungen; Jungen als neue „Problemgruppe” im Bildungsverlauf; Interessenentwicklung in der Schule unter geschlechtsvergleichender Perspektive;
  • Arbeits- und Organisationspsychologie: die Diskrepanz zwischen Bildungs- und Berufskarrieren von Frauen; Diskriminierungen am Arbeitsplatz; Vereinbarkeitsthematik und Familie und Beruf; work-life-Balance etc.

Formen der Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Der Geschlechteraspekt sollte sowohl in eigenen Lehrveranstaltungen, aber insbesondere auch als Querschnittsthema in verschiedenen Modulen des Studiums (Biologische Psychologie, Entwicklungspsychologie, Differentielle und Persönlichkeitspsychologie, Sozialpsychologie, Klinische Psychologie, Pädagogische Psychologie, Arbeits- und Organisationspsychologie) integriert sein.

Als spezielles Modulelement würde sich „sex und gender” sowohl im Rahmen der Entwicklungspsychologie als auch der differentiellen Psychologie oder der Sozialpsychologie anbieten.

Studienphase:

Diese Inhalte gehören unbedingt bereits in die Bachelor-Phase und das ab dem ersten Semester. Aber auch in Master-Studiengängen, die dann spezialisierter sich psychologischen Themen widmen, ist der Gender-Aspekt unverzichtbar.

Schlagworte:

Wirtschaftspsychologie, Medizin, Therapie, Sozialphysiologie, Kognitionswissenschaft, Wissenspsychologie, Psychoanalyse, Kommunikationspsychologie