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Geschichtswissenschaft

Auch relevant für die historischen Anteile der kulturwissenschaftlichen Fächer Germanistik, Anglistik, Romanistik, Slawistik und andere Sprach- und Literaturwissenschaften sowie für die Fächer Theologie, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft

Fach: Geschichtswissenschaften
Fächergruppe/n: Sprach- und Kulturwissenschaften, Kunst und Gestaltung

Lehrziele/Studienziele:

Der Ort von „Geschichte“ innerhalb der Gesellschaft und damit auch die Struktur und Funktion der universitären Ausbildung in dieser Disziplin haben sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Denn die gesellschaftlichen Ordnungsmodelle in der globalisierten Welt befinden sich in einem rasanten Wandel. Das Fach, entstanden im 19. Jahrhundert mit seiner nationalstaatlichen Prägung, steht daher vor neuen Aufgaben der Erklärung und Deutung der Genese und Entwicklung von Strukturen und Prozessen im Modus der „Langen Dauer“. Bisher war das Studium der „Geschichtswissenschaft“ vor allem auf die verschiedenen Lehrämter ausgerichtet, umfasste alle Epochen mit einem Fokus auf der „deutschen“ Geschichte und qualifizierte für den Unterricht in einem selbstständigen  Schulfach. Denn ein historisches Kanonwissen um Herrscherdynastien und die sie prägenden Ereignisse gehörte zum Selbstverständnis der bildungsbürgerlichen Elite und reproduzierte sich durch die MultiplikatorInnenfunktion der ausgebildeten ExpertInnen. Mehr und mehr aber lösen sich jetzt die traditionellen Grenzen der Disziplin auf und diese dynamisiert und pluralisiert sich: Im Unterricht der Schulen wird der historische Aspekt zunehmend in ein übergreifendes kultur- und/oder gesellschaftswissenschaftliches Curriculum mit unterschiedlichen Akzenten integriert. Die AbsolventInnen der neuen Studiengänge sind auch in anderen Berufsfeldern gefragt, die sich mit historischen Phänomenen, der Verarbeitung und Vermittlung von Geschichtswissen in der Öffentlichkeit beschäftigen, so im Bereich von Medien und Museen; auch bei Kulturreisen werden zunehmend AbsolventInnen von Abschlüssen mit historischen Anteilen eingesetzt.  Die Modularisierung der Hochschulausbildung entspricht diesen Erfordernissen. Andere kulturwissenschaftliche (und zunehmend auch naturwissenschaftliche) Fächer bieten ihrerseits historisch ausgerichtete Teilmodule an.

Geschlecht ist eine zentrale, mehrfach relationale Differenzkategorie und historische Geschlechterforschung ist daher in besonderer Weise geeignet, den multikulturellen und multireligiösen Herausforderungen der Gegenwart gerecht zu werden. Durch den Umgang mit Gender-Modellen aus der Vergangenheit lernen die Studierenden exemplarisch Konzepte von Männlichkeiten und Weiblichkeiten der Gegenwart in ihrer Entstehung und ihrem Wandel kennen. Dabei kann kein linearer Fortschrittsprozess aufgezeigt werden, sondern ein Nebeneinander mit vielfältigen Kontinuitäten, Stationen und Brüchen. Durch die kritische Analyse von Quellen aller Art erwerben die Studierenden die Fähigkeit, Erkenntnisse über die gesellschaftlichen Definitionen und Rollenentwürfe von Männlichkeit und Weiblichkeit selbstständig zu gewinnen, diese mithilfe von Fachliteratur zu überprüfen bzw. einzuordnen und sich innerhalb der (kontroversen) Vielfalt der Deutungen und Sinnzuweisungen mit begründeten eigenen Urteilen zu orientieren. Auf dieser Basis durchdenken Studierende die Angebote für Alteritäten von Geschlechterordnungen, mit denen sie konfrontiert sind, und gewinnen Anregungen für eigenes Handeln und für gesellschaftliche Projekte, die für die gegenwärtige und zukünftige Gestaltung von Männlichkeiten und Weiblichkeiten geeignet sind.

Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Über die Entstehung von Geschlechterwelten in der Geschichte

Traditionell beschäftigte sich das Fach Geschichte mit dem Handeln von Männern in der politischen Öffentlichkeit. Demgegenüber hat die historische Genderforschung in den letzten vierzig Jahren zunächst die weibliche Lebenswelt in den Fokus der Aufmerksamkeit gestellt und die Historizität der Frauenexistenz eigentlich erst sichtbar gemacht, die bis dahin als statisch auf die Reproduktion gerichtet (und damit unhistorisch) verstanden wurde. Die Gültigkeit angeblich geschlechtsneutraler Begriffe und Kollektivbildungen und zentraler Ordnungsschemata des Faches sowie der Epochenkonzepte wurde in Frage gestellt und neu durchdacht.

Deutlicher als die Dreiteilung Antike  – Mittelalter – Neuzeit scheint eine Zweiteilung in Vormoderne und Moderne die Geschlechterverhältnisse zu prägen: Die zur Zeit problematisch werdende Geschlechterordnung ist durch eine dichotome Zuweisung der Geschlechter zu bestimmten Räumen, Aufgaben und Rollen mit realer und symbolischer Dualität gekennzeichnet: Während der Mann sich in den Bereichen Öffentlichkeit, Kultur, Arbeitsleben, Politik realisiert, gelten für Frauen die Bereiche Privatheit, Natur und Reproduktion innerhalb der Familie durch unbezahlte Arbeit innerhalb des Innenraumes Haus als die geschlechtsbestimmenden.

Diese für die Wahrnehmung der Geschlechterordnung zentrale Zweiteilung entstand im Zusammenhang mit dem „Projekt Moderne”. Sie erfolgte aus dem Untergang der vormodernen Ständeordnung, dem Prozess der Verstädterung und Industrialisierung sowie der Entwicklung einer bürgerlichen Trägerschicht des Nationalstaates mit einer neuen Werteordnung, die wiederum ein Produkt der großen Revolutionen war. Freilich gibt es kontroverse Positionen über den Anfang dieses Prozesses, die zwischen dem Spätmittelalter und dem 18./19. Jahrhundert schwanken. Auch die Bedeutung und Ausprägung dieses für die Geschlechterverhältnisse fundamentalen Wandels wird unterschiedlich eingeschätzt. So zeigten Forschungen die weibliche Repräsentanz in den angeblich vor allem männlich geprägten Bereichen: Bildung/Ausbildung, Beruf/Arbeit, Krieg/Armee/Konflikt/Gewalt, Schreiben/Autorschaft/Quellenprägung, Netzwerke/Verbände/Gruppen und widmeten sich der Frage der Beteiligung von Frauen an den für das Selbstverständnis der Geschichtswissenschaften klassischen strukturbildenden historischen Ereignissen. Zugleich wurde die Privatheit des Haushaltes bestritten. Damit wurde die Begrenztheit der dualistischen Konzepte zur Erklärung männlichen und weiblichen Handelns aufgezeigt. Gleichwohl bzw. gerade deshalb wird sich das Studium mit Kennzeichen und Genese der modernen Geschlechterordnung auseinanderzusetzen haben.

Kritische De-Konstruktion von Geschlecht in der Geschichte

Auch durch verschiedene andere Entwicklungen kam es zu einer weitgehenden Neudefinition des Faches Geschichte und der historischen Geschlechterwelten. Der Perspektivenwechsel hin zu einer kulturwissenschaftlichen Orientierung innerhalb der letzten Jahrzehnte hat das Bewusstsein dafür geschärft, dass nicht nur Weiblichkeit, sondern auch Männlichkeit kein primär biologisches (essentielles) Phänomen darstellt, sondern dass sie beide historisch variable Konstruktionen sind.

Die verbreiteten Bilder und Stereotype über männliches und weibliches Leben in der Vergangenheit entstanden auf verschiedene Weise: durch Rückprojektionen aus dem 19. Jahrhundert, das deutlich das historische Denken bis heute prägte. Kontinuitäten werden aber auch ausgezogen als Legitimationsstrategie, im Sinne eines Begründungs-Mythos, der Tradition behauptet und Autorität verleiht oder umgekehrt eines Abwehrtopos zur Abgrenzung gegenüber (vermeintlich) überwundenen Lebensformen und Phänomenen. Aussagen über die Geschichte sind also interessegeleitete Sinngebungen im Medium von wertenden Sprachstrukturen.

Eine verbindliche Kanonbildung und monokausale Einordnung konkreter Inhalte und Wissenselemente über Geschlecht im Fach Geschichte wird daher abgelehnt und es wird auf der Pluralität und Kontroversität der Forschungsergebnisse und Genderkonzepte bestanden.

Für die exemplarische Beschäftigung mit Männlichkeiten und Weiblichkeiten innerhalb der Geschichte liegen Überblicksdarstellungen vor, die Forschungsergebnisse und Analysen über alle historischen Epochen, Ereignisse und Phänomene präsentieren, typische Bilder von Männern und Frauen thematisieren, ihre Lebenswelten, Aktionsräume und Praktiken beschreiben, Beziehungsmuster und Gefühlswelten charakterisieren, Leitbilder und Entwürfe sowie symbolische Repräsentationen von Geschlecht vorstellen, narrativ und visuell überlieferte Imaginationen und Visionen entfalten. Darüber hinaus hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass Geschlecht nicht nur normativ bestimmt und gesellschaftlich zugewiesen, sondern auch durch eigenes Handeln individuell und gruppenspezifisch bestimmt wird: das Doing-Gender-Konzept.

Methodenziele

Das Misstrauen gegenüber einer verbindlichen, eindeutig lesbaren und monokausal verstehbaren Realität von Männern und Frauen in der Geschichte führt dazu, dass bei der Beschäftigung mit „Gender” in der Vergangenheit vor allem methodische Ziele im Mittelpunkt stehen: Geschlecht ist nach dem Stand der historischen Genderforschung eine mehrfach relationale historische Kategorie (vergleichbar Schicht und Klasse) und strukturiert historische Phänomene und Prozesse aller Art. Die Methodenkompetenzen, die bei der Arbeit mit historischem Material geschult werden, richten sich auf die Fähigkeit zur Entmythisierung angeblich natürlicher Phänomene und interessegeleiteter Sinnzuweisungen, vor allem auch auf die Dekonstruktion solcher Geschichtsbilder, sowie auf eine kritisch differenzierende Rekonstruktion vergangener Lebenswelten und auf den vergleichenden Umgang mit kontroversen Perspektiven und Deutungen.

Praxisorientierte Studieninhalte

Im Rahmen der Praxis- und Berufsorientierung innerhalb der Bachelor-Ausbildung werden Erfahrungen innerhalb der verschiedenen Bereiche der Vermittlung von Geschichte vermittelt. Deutlicher als innerhalb der Universität, wo die Studierenden Objekte der Belehrung sind, können sie sich hier als historisches Wissen vermittelnde weibliche und männliche Subjekte erfahren. Solche Lernorte sind vor allem die Schule, aber auch die Bildungsstätten Museum, Archiv, Bibliothek, auch Institutionen der Erwachsenenbildung wie die VHS und andere Akademien sowie Medien der Vermittlung und Präsentation von Geschichte wie Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen. Es handelt sich also um Institutionen in staatlicher und öffentlicher, parteilich und kirchlich ausgerichteter Trägerschaft, aber auch um private Veranstalter. Auf verschiedenen Ebenen sind die Prozesse der Vermittlung von Geschichte, die diese vornehmen, durch Gender strukturiert. Denn Voraussetzungen und Interessen sowie die Wahrnehmung von historischen Inhalten, der Umgang mit Präsentationen von Geschichte und mit Quellen aus der Vergangenheit ist bei weiblichen und männlichen Vermittelnden und Rezipierenden unterschiedlich.

Daher müssen diese Arbeitsbereiche für die Berufserkundung in den vorbereitenden und begleitenden Lehrveranstaltungen genderspezifisch problematisiert werden. Auch eine entsprechend gendersensible Auswertung der Praxiserfahrungen, etwa durch Tagebücher und Reflektionen, ist erforderlich.

Formen der Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Die Ausbildung im Fach Geschichte folgt grundsätzlich dem Prinzip der exemplarischen Auswahl von Inhaltselementen, wobei sich Genderthemen als geeignet auf allen Ebenen erwiesen haben.

Im Rahmen der chronologisch orientierten Bachelor-Ausbildung/Masterausbildung im Fach Geschichte:

  • In der Regel ist die Ausbildung primär chronologisch orientiert, wobei fachspezifische Themen aus allen Epochen behandelt werden müssen: Alte Geschichte, Mittelalterliche Geschichte, Frühneuzeitliche/Neuzeitliche/Zeitgeschichte. Für alle Epochen ist eine modulare Einführung in das Studium der Geschichtswissenschaften mit Genderthemen sinnvoll. Dasselbe gilt für epochenspezifische Module im fortschreitenden Studium.

Im Rahmen der Querschnittsthemen/geographisch differenzierenden Themen sowie der Theorie im Fach Geschichte:

  • Am Beispiel Gender können vor allem auch die historischen Querschnittsthemen behandelt werden: So sind die anthropologischen Grundphänomene Konflikt und Krieg/Macht und Herrschaft/Rituale und Symbole/Migration/Alltag und Fest/Kindheit/Jugend/Alter/Familie/Arbeit/ Umwelt/Körper/Sexualität/Mentalitäten und Gefühle usw. weitgehend über genderspezifische Forschungen in ihrer historischen Dimension erschlossen worden.
  • Auch die Lehrangebote, die sich an bestimmten Räumen/Nationen/Regionen orientieren, können mit einem Genderschwerpunkt versehen werden und werden sinnvollerweise vor allem vergleichend angeboten (z. B. „Weibliche und männliche Erziehung im Nationalsozialismus”; „Männlichkeiten in Ost- und Westeuropa seit 1945”).
  • Da die Genderforschung der Theoriedebatte im Fach Geschichte entscheidende Anstöße vermittelt hat, sind auch Lehrveranstaltungen als Module zu Theorie und Geschichte der Disziplin aus gendergeschichtlicher Perspektive sinnvoll (z. B. „Genderspezifische Orte des Erinnerns und des Gedächtnisses”; „Männer und Frauen als Historische Leitbilder in Europa”).

Historische Genderthemen im Rahmen interdisziplinärer Studiengänge:

  • Geschlecht ist nicht nur eine mehrfach relationale historische Kategorie, die für alle historischen Themen sinnvollerweise thematisiert wird, sie ist zudem ein grundlegender Bestandteil für das Verständnis der gegenwärtigen Genderordnung mit ihren vielfältigen Facetten im Spiegel einer Reihe von Fächern. Es hat sich daher eine interdisziplinäre Zusammenarbeit im Bereich der Kultur- und auch im Ansatz bereits der Naturwissenschaften bewährt. Hier bieten sich vor allem Teilmodule an, die einführend historische Grundlagen/Tiefenschärfe für gegenwartsorientierte Inhalte anderer Fachdisziplinen vermitteln (z. B. „Haushalt und Ernährung im Wandel”, „Frauenbilder in Mythen und Märchen”, "Männliche und weibliche Kriminalität seit der Frühen Neuzeit").

Studienphase:

Daraus ergibt sich, dass Inhalte der historischen Genderforschung als Modul zur Einführung in die Geschichte angeboten werden sollten. Ebenso gehören aber auch aufbauende Inhalte im Rahmen der späteren Module innerhalb der Bachelor-Studiengänge in das Curriculum. Neben der fachlich orientierten Ausbildung im Rahmen der historischen Disziplinen sind auch Teilmodule in interdisziplinären Arbeitszusammenhängen in zahlreichen anderen Fächern gefragt.

Schlagworte:

Geschichte, Alte Geschichte, Landesgeschichte, Didaktik der Geschichte, Geschichte der Frühen Neuzeit, Klassische Archäologie, Mittelalterliche Geschichte, Neuere und Neueste Geschichte, Volkskunde, Archäologie, Bauforschung und Baugeschichte, Denkmalpflege, Geschichte, Mittelalterstudien, Volkskunde, Europäische Ethnologie, Vor- und Frühgeschichte, Europäische Geschichte, Altertumswissenschaften, Osteuropastudien, Prähistorische Archäologie, Alte Geschichte, Kulturgeschichte, Klassische Archäologie, Mittelalterliche Geschichte, History, Byzanistik, Christliche Archäologie, Alt-Amerikanistik, Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde, Mittlere Geschichte, Osteuropäische Geschichte, Provinzialarchäologie, Landeskunde, Verfassungsgeschichte, Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Volkskunde, Geschichte des Mittelalters, Vergleichende Textilwissenschaft, Kulturanthropologie, Europäische Ethnologie, Industriearchäologie, Historische Hilfswissenschaften, Provinzialrömische Archäologie, Altorientalistik, Ur- und Frühgeschichte, Mediävistik, Europäische Kultur- und Ideengeschichte, Papyrologie, Epigraphik und Numismatik, Theologie, Kunstgeschichte, Musikwissenschaften, Rechtswissenschaften, Pädagogik, Psychologie, Politologie, Sozialwissenschaften, Medienwissenschaften, Biologiegeschichte, Medizingeschichte, Psychiatriegeschichte, Ernährungswissenschaften, Volkskunde