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Romanistik/Literaturwissenschaft

Weiter relevant für: Französistik; Hispanistik; Italianistik; Lateinamerikanistik/Literaturwissenschaft

Fach: Literaturwissenschaft, Romanistik
Fächergruppe/n: Sprach- und Kulturwissenschaften, Kunst und Gestaltung

Lehrziele/Studienziele:

Den Studierenden sollen die theoretischen Grundlagen und die Methoden der literaturwissenschaftlichen Gender Studies sowie deren Stellenwert für die romanistische Literaturwissenschaft vermittelt werden. Die Studierenden sollen befähigt werden, die Bedeutung der Differenzkategorie gender - u. U. im Zusammenwirken mit anderen Kategorien wie race, class, age, ethnicity, sexueller Orientierung - für die romanistische Literatur- und Kulturwissenschaft zu erkennen und kritisch anzuwenden.

Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Die Gender Studies in der Romanistik widmen sich der Untersuchung der Geschlechterverhältnisse und der Kategorie gender, wie sie sich in den romanischen Literaturen und Kulturen, also v. a. in der italienischen sowie in den französisch- und spanischsprachigen Literaturen und Kulturen, auf allen Ebenen der Analyse manifestieren.

Somit stehen geschlechtsspezifische Probleme der Autorschaft und der literarischen Traditionsbildung, geschlechtsspezifisches Lese- und Rezeptionsverhalten, erzähltheoretische Ansätze, die die Kategorie Geschlecht berücksichtigen, die Interdependez zwischen literarischer Kanonbildung und Geschlecht sowie diejenige zwischen Genre und gender im Fokus des Interesses.

Es wird ein Theorien- und Methodenpluralismus zugrundegelegt, dessen historische Dimension - als Voraussetzung für die Herausbildung der Gender Studies - auch Gegenstand der Lehre sein sollte.

Geschichtlicher Überblick über die Entwicklung der feministischen Literaturtheorien bis zur Etablierung der Gender Studies

Der historische Abriss hat zunächst die Entwicklung von der angloamerikanischen Feminist Critique (Images of Women-Forschung) über den Gynocriticism (E. Showalter) zum linguistic turn des poststrukturalen Feminismus (sprachliche Verfasstheit von Identität) nachzuzeichnen. Eine besondere Relevanz aus romanistischer Perspektive ergibt sich durch die Tatsache, dass die Differenztheorie und das écriture féminine-Konzept des poststrukturalen Feminismus durch die französischen und frankokanadischen Theoretikerinnen Julia Kristeva, Hélène Cixous, Luce Irigaray, Monique Wittig, Nicole Brossard u. a. geprägt wurden. Auch der italienische Feminismus trug in dieser historischen Phase einerseits durch die Beiträge der Libreria delle donne de Milano und andererseits durch diejenigen der beiden bedeutendsten italienischen Vertreterinnen des pensiero della differenza, Adriana Cavarero und Luisa Muraro (affidamento), zur Differenztheorie bei. Im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA entwickelte sich ab den 1970er Jahren der Chicana-Feminismus, für den das Modell der kulturellen Vermischung und der Verwischung von Grenzen (mestizaje) grundlegend ist, wie es prägnant durch die hybride Figur der New Mestiza (Gloria Anzaldúa) repräsentiert wird.

Neben dem Postfeminismus der 1980er und 1990er Jahre (Vielfalt von Differenzen statt Differenz) sind die Gender Studies (J. Butler; sex vs gender), der dekonstruktive Feminismus (d. h. die Analyse der Konstruktion von Geschlechtsidentitäten), schließlich die Men's Studies und die Queer Studies zu behandeln, wobei als eine Vorläuferin der Gender Studies Simone de Beauvoir (Le deuxième sexe, 1949) herauszustellen ist (Differenzierung zwischen biologischem vs anerzogenem Geschlecht).

Geschlechtsspezifische Probleme der Autorschaft und der literarischen Traditionsbildung

Den Studierenden sollen der Zusammenhang zwischen literarischer Autorschaft und Autorität deutlich gemacht werden sowie die spezifischen Legitimations- und Selbstautorisierungsstrategien, zu denen insbesondere Autorinnen häufig greifen (Schreiben unter Pseudonym; anonyme Publikation).

Es soll die Einsicht vermittelt werden, dass marginalisierte Autorinnen, die aus dem Kanon oder der Literaturgeschichte verschwunden sind, im Zuge einer (Neu)-Herstellung weiblicher Genealogien wiederentdeckt oder ‚neu gelesen' werden können. Von nicht zu überschätzender Bedeutung ist in gesamt-romanistischer Hinsicht die Querelle de femmes-Texttradition, die von Christine de Pizan über Marguerite de Navarre, Moderata Fonte und María de Zayas bis mindestens ins 18. Jahrhundert, wenn nicht darüber hinaus, reicht.

Geschlechtsspezifisches Lese- und Rezeptionsverhalten; Erzähltheorie

Den Studierenden soll anhand der Vermittlung theoretischer Positionen der Forschung zum Leseprozess (J. Fetterley) und zur feministischen Narratologie (S. Lanser) sowie anhand der Applikation auf Beispiele aus der Romania die Einsicht vermittelt werden, dass die Berücksichtigung der Kategorie gender auch für den Leseprozess und die erzähltheoretische Analyse von literarischen Texten relevant ist.

Literarische Kanonbildung und Geschlecht

In der Lehre soll vermittelt werden, dass die Neulektüre kanonischer Texte (re-reading) aus der Perspektive der Gender Studies ein vorrangiges Ziel darstellt (Bsp.: Shoshana Felmans Neu-Lektüre von Balzacs La fille aux yeux d'or). Darüber hinaus geht es darum, Autorinnen und Autoren neu zu lesen und zu verorten, die aufgrund der patriarchal geprägten und eine heterosexuelle Matrix voraussetzenden Literaturgeschichtsschreibung unbeachtet geblieben sind. Auf diese Weise sollen die Studierenden erkennen, dass literarische Kanonbildung stets auf bestimmten Ausschlusskriterien beruht, die kritisch zu hinterfragen sind. Für die Studierenden soll so eine Neubewertung und Revision des traditionellen Kanons ins Blickfeld rücken.

Genre und gender

Anhand von Beispielen aus den romanischen Literaturen, wie Madame de Lafayette und Madame de Sévigné, soll den Studierenden deutlich gemacht werden, dass ein männlicher oder weiblicher Autorenname den Status von Autorschaft entscheidend mitbestimmt sowie die Kategorisierung und Interpretation eines literarischen Textes, letztlich seine Beurteilung, Tradierung und Kanonisierung lenkt.

Formen der Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Die Einrichtung eines spezifischen Gender-Moduls wäre sinnvoll und wünschenswert. Als Kompromisslösung könnten Modulelemente aus den romanistischen Gender Studies ohne jede Schwierigkeit in andere Module integriert werden. Z.B. ließen sich Seminare zu Vertreterinnen des französischen (Kristeva; Cixous; Irigaray; Beauvoir) und des italienischen Feminismus (Cavarero; Muraro) in die Module "Neuere französische Literaturgeschichte" bzw. "Neuere italienische Literaturgeschichte" integrieren. Das für die romanistische Geschlechterforschung äußerst wichtige Themenfeld der Querelle de femmes-Tradition könnte im Modul "Ältere Literaturgeschichte" oder "Kulturwissenschaft" Berücksichtigung finden.

Studienphase:

Die Studierenden sollten sich in der B.A.-Phase ab ca. dem dritten Semester mit Inhalten der Gender Studies auseinandersetzen. Es scheint sinnvoll, mit einem geschichtlichen Überblick zur Entwicklung der feministischen Literaturtheorien bis zur Etablierung der Gender Studies zu beginnen, um in der Folge, also in den letzten Semestern der B.A.-Phase und im M.A.-bzw. M.Ed.-Studium, die oben genannten spezifischen Fragestellungen der Gender Studies in der Romanistik zu vertiefen.

Schlagworte:

Französistik; Hispanistik; Italianistik; Lateinamerikanistik/Literaturwissenschaft, Angewandte Sprachwissenschaften, Französisch, Italienisch, Spanisch, Romanistik, Romanische Sprachwissenschaften, Frankreichstudien, Französische Philologie, Interdisziplinäre Lateinamerikastudien, Italienische Philologie, Spanische Philologie, Romanische Philologie, Deutsch-Französische Studien, Italianistik, Deutsch-Italienische Studien, Romanische Mediävistik, Frankoromanistik, Hispanistik, Linguistik des Französischen, Linguistik des Italienischen, Linguistik des Spanischen, Galloromanistik, Romanistische Sprachwissenschaften, Romanistische Literatruwissenschaften, Galloromanische Philologie, Iberomanische Philologie, Italoromanische Philologie, FrankoMedia: Sprache/Literatur/Kultur, Ibero Cultura, Katalanisch, Lateinamerikastudien, Rumänisch, Regionalwissenschaften Lateinamerika, Lusitanistik, Slavische Philologie, Russistik, Russische Philologie, Polonistik, Bohemistik, Polnische Philologie, Ostslavistik, Südslavistik, Westslavistik, Polnisch, Tschechische Philologie, Russische Sprache und Kultur