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Auswahl nach Fächern

Musikwissenschaft

Relevant auch für: Musik-Studiengänge an Musikhochschulen (Lehramt, künstlerische bzw. musikpädagogische Ausbildung) und Universitäten (Lehramt) sowie kulturwissenschaftliche Studiengänge mit musikwissenschaftlichen Anteilen

Fach: Musikwissenschaft/ -geschichte
Fächergruppe/n: Kunst, Kunstwissenschaft

Inhalt:

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Lehrziele:

Die Studierenden sollen

  • sich mit methodologischen Konzepten und theoretischen Überlegungen zur musikwissenschaftlichen Genderforschung auseinandersetzen;
  • Musik im Kontext historischer und gegenwärtiger Geschlechterverhältnisse verstehen;
  • Wissen über geschlechtsspezifische Handlungsfelder in historischen und gegenwärtigen Musikkulturen erwerben;
  • Mechanismen der Kanon- und Repertoirebildung im Bereich Musik – die zum Vergessen von Werken von Komponistinnen geführt haben – verstehen und hinterfragen;
  • Werke von Komponistinnen kennenlernen und in ihre späteren beruflichen Tätigkeiten (Musizieren, Lehrtätigkeit, Dramaturgie etc.) einbeziehen sowie
  • Musikbezogenes Handeln (Musizieren, Rezipieren, Komponieren usw.) in seiner Funktion für die Konstruktion und Performanz von Geschlecht verstehen und analysieren.

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Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Musikwissenschaftliche Frauen- und Geschlechterforschung befasst sich mit geschlechtsspezifischen Handlungsfeldern in Musikkulturen, mit der Konstruktion von Geschlecht durch und in Musik und mit der Performanz von Geschlecht beim Musizieren bzw. beim Umgang mit Musik. Nicht nur sind musikalisches Handeln und musikalische Werke u.a. durch Geschlechterverhältnisse bestimmt, sondern Musik ist umgekehrt selbst an deren Herstellung beteiligt: In Musik selbst wird Geschlecht konstruiert, Musizieren und Rezeption von Musik lassen sich als Performanz von Geschlecht betrachten, musikalische Felder wie z.B. die Musikindustrie, das Konzertwesen oder die Musikpädagogik unterliegen spezifischen Geschlechterlogiken.

Frauen- und Geschlechterforschung ist in der Musikwissenschaft nach wie vor wenig etabliert und hat sich noch immer gegen grundsätzliche Ressentiments zur Wehr zu setzen. Forschungs- und Reflexionsstände in den drei Teildisziplinen Historische Musikwissenschaft, Systematische Musikwissenschaft und Musikethnologie unterscheiden sich stark voneinander.Die Forschung zu Genderkonstruktionen im Bereich der populären Musik wurde fachhistorisch bedingt zunächst vor allem in Fächern wie z. B. der Soziologie oder den Cultural Studies vorangetrieben, deren Erkenntnisse teilweise in der Musiksoziologie bzw. der kulturwissenschaftlich orientierten Historischen Musikwissenschaft aufgegriffen und weitergeführt werden. Lediglich die Historische Musikwissenschaft kann auf einen kontinuierlichen Prozess der Theoriebildung zurückblicken und hat ein Ensemble von Themenfeldern systematisch erarbeitet. Daher ist es insbesondere in diesem Bereich der Curricula der musikwissenschaftlichen Studiengänge anzuraten, eine Berücksichtigung von Gender einzufordern.
 

Methoden der Musikwissenschaft

Die Perspektive auf Gender geht stets einher mit der kritischen Reflexion der methodologischen Traditionen des Faches und weist daher über das Gebiet Geschlechterforschung hinaus. In verschiedenen Arbeiten sind die Mechanismen der Musikgeschichtsschreibung, der Kanon- und Repertoirebildung und der musikbezogenen Biografik erforscht worden. Dabei wurde insbesondere die Konzentration der Disziplin auf die Kompositionsgeschichte hinterfragt und dieser kulturwissenschaftliche bzw. -geschichtliche Ansätze gegenübergestellt, die Musik als kulturelles Handeln verstehen. Dazu zählen neben dem üblicherweise im Fach privilegierten Komponieren auch das – professionelle wie ‚private’ – Musizieren, das Rezipieren, das Mäzenatentum etc. So wird nicht nur der Blick stärker auf die lange Zeit stark vernachlässigten und in ihrer kulturellen Bedeutung abgewerteten weiblichen Akteure gerichtet; vielmehr wird generell das Musizieren, Komponieren und Musik-Rezipieren als Konstruktion und Performanz von Geschlecht analysierbar. Zudem sind vor allem in aktuellen musiksoziologischen Forschungen Auseinandersetzungen mit queeren, intersektionalen und postkolonialen Theorien vorzufinden.

 

Geschlechteraspekte der Musikkultur

Die Bedeutung der Kategorie Gender/Geschlecht für die Analyse musikkultureller Strukturen und Prozesse rückt zunehmend in das Blickfeld musikwissenschaftlicher Forschung. Untersucht werden geschlechtsspezifische Handlungsmöglichkeiten und Tätigkeitsfelder unter historischer wie kultur- und milieuvergleichender Perspektive. Dabei werden einerseits soziologische bzw. sozialgeschichtliche Aspekte thematisiert, etwa: Räume, Orte und Institutionen des Musizierens; Professionalität: Musikberufe, Musikausbildung, Arbeitsbedingungen; Instrumentenwahl; Mobilität und Reisen; geschlechtstypische Rezeptionsweisen und Präferenzen.

Hinzu kommen andererseits in zunehmendem Maße mentalitäts- und alltagsgeschichtliche Fragestellungen, z.B.

  • Musik im Diskurs über Geschlechterbeziehungen, Liebe und Sexualität
  • Öffentlichkeit und Privatheit
  • Musik und Religion, Ritual, Kult
  • Tanz, Gesang und Körper
  • Konzepte von KünstlerInnentum (Genie, Autor, Muse, Star, Diva)

 

Biografik und Recherche nach Werken

Arbeiten zu Leben und Werk einzelner Komponistinnen machen einen großen Teil der bislang entstandenen Arbeiten zu musikwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterstudien aus. Ein wichtiges Motiv für die Forschung war zunächst, Musik ‚vergessener‘ Komponistinnen wieder zu entdecken und – nicht zuletzt durch Editionen von musikalischen Werken – für die künstlerische Praxis zu erschließen. War dieser Forschungszweig zunächst methodologisch durchaus dem traditionellen ‚Leben und Werk’-Ansatz der Historischen Musikwissenschaft verpflichtet, so wurden zunehmend die Grundlagen der Biografik – und insbesondere die Konzentration auf potenzielle ‚Meisterwerke’ – reflektiert und vor allem auch sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte berücksichtigt. Männliche Komponisten und Musiker sind allerdings erst in geringem Umfang Gegenstand einer Gender-Aspekte berücksichtigenden Biografik geworden.

 

Ästhetik, Kompositionsgeschichte und musikalische Analyse

Bedingt durch die Fachtradition – mit ihrer Konzentration auf Kompositionsgeschichte – wird besonders die Berücksichtigung von Genderaspekten bei der Analyse von Musik eingefordert. Zahlreiche Arbeiten zur Opern- und Musiktheaterforschung (daneben auch zur Filmmusik) untersuchen die musikalische und musikdramatische Gestaltung von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen. Der Standpunkt, dass auch bei nicht textgebundener Musik von symbolischer Repräsentation des Geschlechts gesprochen werden kann, wird vor allem von der Richtung der New Musicology vertreten, die musikalische Strukturen als Narrationen von Sexualität und Begehren analysiert. Ein Arbeitsfeld von zunehmender Bedeutung ist die Untersuchung der Singstimme, die als Performanz des Geschlechtskörpers nicht nur durch Gender-Konzepte bedingt ist, sondern diese ‚by doing’ mit konstituiert.

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Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Die neuen Prüfungs- und Studienordnungen sollten Impulse für eine Weiterentwicklung des Faches im Bereich der Genderforschung geben, aber keinesfalls einer Nischenbildung Vorschub leisten. Insbesondere sind auch Lehrende, die sich nicht als SpezialistInnen der Genderforschung verstehen, dazu anzuregen und in die Lage zu versetzen, entsprechende Perspektiven auch auf die traditionellen Themenbereiche anzuwenden.

Bei der Akkreditierung bzw. Reakkreditierung musikwissenschaftlicher Studiengänge sollte stets geprüft werden, ob die Möglichkeit besteht, eigene Module oder Modulbestandteile zur Genderforschung einzuplanen. Institute bzw. Hochschulen, an denen die entsprechende Lehrkompetenz nicht vorhanden ist, sollten dazu angeregt werden, hierfür Personal – oder zumindest Gastprofessuren bzw. Lehraufträge – bereitzustellen.

Oft wird jedoch der Integration von Gender-Aspekten in umfassender definierte Module der Vorzug zu geben sein vor der Lösung, spezielle Module zu konstruieren. Die Gründe sind sowohl organisatorischer als auch fachlicher Natur.

Zu den fachlichen Bedingungen gehört in erster Linie die bereits oben erwähnte Tatsache, dass die Genderforschung in der Musikwissenschaft noch immer wenig etabliert ist. So kann erst bei einigen Themenfeldern auf einen gesicherten Forschungsstand zurückgegriffen werden, und die entsprechende Kompetenz ist bei vielen Lehrenden noch begrenzt. Aus diesem Grunde beschränkt sich die Lehre im Bereich musikwissenschaftlicher Genderforschung – sofern sie überhaupt stattfindet – an vielen Hochschulen und Universitäten auf die Beschäftigung mit einer begrenzten Anzahl von Komponistinnen oder auf überblicksartige Veranstaltungen mit unverantwortlich weit formulierten Titeln wie „Frau und Musik”. Nicht selten dienen solche Veranstaltungen als Alibi dafür, Themen zur Genderforschung außerhalb dieser Sonderveranstaltungen gar nicht zu behandeln.

Eine organisatorische Herausforderung liegt in dem Umstand, dass Musikwissenschaft nur zum kleineren Teil als eigenständiges Fach (etwa im Rahmen eines Ein- oder Zwei-Fach-Bachelors bzw. -Masters Musikwissenschaft) studiert wird, oft jedoch in Form einzelner Module innerhalb von künstlerischen, musikpädagogischen oder kultur- und geisteswissenschaftlichen Studiengängen (Kultur-, Medien-, Theaterwissenschaften, Populäre Musik und Medien etc.). Eine integrative Behandlung der Genderforschung innerhalb allgemeiner definierter Module ermöglicht deren Berücksichtigung auch dann, wenn in den betreffenden Studiengängen Musikwissenschaft insgesamt in so geringem Umfang belegt wird, dass spezielle Module zur musikwissenschaftlichen Genderforschung aus kapazitären Gründen nicht berücksichtigt werden könnten.

Um zu gewährleisten, dass Genderforschung auch innerhalb von nicht speziell darauf zugeschnittenen Modulen tatsächlich in ausreichendem Umfang berücksichtigt wird, sollten die Ziele der Studiengänge (bzw. des Faches Musikwissenschaft innerhalb derselben) so formuliert sein, dass sie keinen Kanon der ‚großen Komponisten‘ bzw. ‚Meisterwerke‘ voraussetzen und dass neben den – üblicherweise dominierenden – kompositionsgeschichtlichen und musikästhetischen Themen auch solche zu kulturgeschichtlichen Themenstellungen (musikalische Sozial- und Mentalitätsgeschichte, Geschichte der populären Musik), zur Geschichte der musikalischen Aufführung und zum Musikhören/zur Musikrezeption berücksichtigt werden. Beschreibungen allgemein definierter Module sollten beispielhafte Themenstellungen zur Genderforschung beinhalten. Dies betrifft insbesondere Module zu folgenden Bereichen:

Module zum musikgeschichtlichen Überblickswissen bzw. allgemein musikgeschichtliche Themen, z.B.

  • Geschlechtsspezifische Handlungsfelder in historischen und gegenwärtigen Musikkulturen; Kenntnisse über Komponistinnen und ihre Werke.
     

Module im Bereich Kompositionsgeschichte, z.B.

  • Ausgewählte Werke von Komponistinnen
  • Frauen- und Männerrollen in der Oper
  • Textvertonungen im Kontext historischer Konstruktionen von Geschlecht
  • Gattungen der Musik im sozial- und geschlechtergeschichtlichen Kontext


Einführungen, z.B.

  • Grundlagen musikwissenschaftlicher Genderforschung


Module zur Musikethnologie, z.B.

  • Geschlechterverhältnisse als Signaturen von Musikkulturen
  • Geschlechtsspezifische Handlungsfelder und Räume des Musizierens


Module im Bereich Musiksoziologie/Musikkultur/Kulturgeschichte der Musik, z.B.

  • Genre & Gender
  • Subkulturen und Genderkonstruktion
  • Künstlertypen als Genderrollen
  • Musik im Alltag, Musikalische Institutionen und geschlechtsspezifische Teilhabe
  • Musizieren als Gender-Performance
  • Musikhören und Musik-Verehren als Gender-Performance
  • Professionalität und Geschlecht
     

Module zur Musikpsychologie, z. B.

  • Geschlechtsspezifische Wahrnehmungsweisen von Musik
  • Musikalische Entwicklung und Geschlechteridentität
  • Gibt es geschlechtsspezifische biologische Bedingungen des Musizierens?

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Studienphase:

Die vorgeschlagene Integration von Gender-Aspekten sollte im Verlauf des gesamten Studiums stattfinden. Auch spezielle Module bzw. Modulbestandteile zu Gender-Aspekten sollten nicht – im Sinne einer fortschreitenden Spezialisierung und Profilbildung – erst in späteren Studienphasen vorgesehen werden; sie eignen sich oft auch als exemplarische Themenstellungen, anhand derer grundlegende methodische Zugangsweisen erlernt werden können.

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