English  

Chemie

Weiter relevant für: Lehramt Chemie

Fach: Chemie
Fächergruppe: Mathematik und Naturwissenschaften

Lehrziele/Studienziele:

Den Studierenden soll ein Überblick über die Bedeutung der Geschlechterverhältnisse für die Entwicklung der Chemie und über die Erkenntnisse der Geschlechterforschung in der Chemie vermittelt werden. Sie sollen befähigt werden, die postulierte Geschlechtsneutralität der Chemie zu hinterfragen und die Ergebnisse zu Geschlecht und Chemie in die Geschlechterforschung in Naturwissenschaft und Technik allgemein einzuordnen. Darüber hinaus sollen sie ein Verständnis von Genderanalysen als "Eye-Opener" für die Einbindung der Chemie in gesellschaftliche Handlungskontexte allgemein erwerben.

Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Die Geschlechterforschung in der Chemie fragt nach den Wechselbeziehungen zwischen den Geschlechterverhältnissen und der Entwicklung der Chemie. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich die Geschlechterverhältnisse auf das Wissen und die Produkte, die in der Chemie produziert werden, sowie auf die Forschungs- und Entwicklungsrichtungen, die von ihr verfolgt werden, auswirken. Der Fokus auf die Kategorie Geschlecht lenkt den Blick auf den gesellschaftlichen Kontext, in dem chemische Fragestellungen und Entwicklungen stehen, und hinterfragt das insbesondere in der scientific community noch immer wirkmächtige Selbstverständnis der Chemie als eine exakte und objektive Naturwissenschaft (Weller 1995, Weller 2004, Weller 2006). 

Im Vergleich zu anderen naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen steht die Geschlechterforschung in der Chemie noch in den Anfängen. Gleichwohl stehen erste Studien und Untersuchungen zur Verfügung, die zunächst insbesondere exemplarisch die Bedeutung der Geschlechterverhältnisse unterstreichen. Diese lassen sich nach der in der Geschlechterforschung in Naturwissenschaft und Technik allgemein eingeführten Systematisierung "Women in Science", "Science of Gender" und "Gender in Science" einteilen in Beiträge zu "Women in Chemistry/Frauen in der Chemie" und "Gender in Chemistry/Geschlecht in der Chemie".

  • Women in Chemistry/Frauen in der Chemie

    • Im Vordergrund steht die Analyse der Situation von Frauen in der Chemie, wobei sich zwei Stränge unterscheiden lassen. Der eine befasst sich unter der Zielperspektive Chancengleichheit mit Analysen zur Partizipation von Frauen in den verschiedenen Feldern und Hierarchieebenen der Chemie. Eine der ersten Arbeiten, die die Situation von Chemikerinnen im Studium und im Beruf genauer untersucht hat, wurde bereits Ende der 1980er Jahre von Roloff durchgeführt (Roloff 1989). Inzwischen liegen zu dieser Frage eine Vielzahl von Daten vor, die eine deutliche Diskrepanz zwischen Studium und Beruf bzw. wissenschaftlicher Professionalisierung zeigen: Während der Frauenanteil zu Beginn des Studiums bei rund 50 % liegt, nimmt er im Verlauf der wissenschaftlichen Karriere bis hin zur Promotion stark ab ("leaking pipeline"). Der Eintritt in den Beruf stellt für Chemikerinnen ebenfalls noch immer eine stärkere Hürde dar, die anhaltend unzureichende Chancengleichheit im Berufsleben wird von Studien über erhebliche Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern und dem noch immer dominanten Männeranteil in Führungspositionen belegt (GDCh 2004, Könekamp 2004). Erklärungsansätze für diese Situation bieten Untersuchungen und Fallstudien über den Zusammenhang zwischen Fachkultur und Habitus von ChemikerInnen. Diese haben z. B. herausgearbeitet, dass innerhalb der Diskurse der Chemie das Bild eines "erfolgreichen Chemikers" implizit mit Eigenschaften wie praktisches Geschick und Intuition verknüpft wird, die in diesem Kontext männlich codiert werden (Nägele 1998). Einen zweiten Schwerpunkt bilden Studien, die sich auf die Suche nach bislang unsichtbaren Frauen und ihrem Beitrag an der Entwicklung der Wissenschaft Chemie machen und hierbei häufig eine historisch-bibliographische Perspektive einnehmen. Die Suche nach Beiträgen von Frauen für die (inhaltliche) Weiterentwicklung der Wissenschaft Chemie findet insbesondere in der Naturwissenschaftsgeschichte statt. Die Ergebnisse lassen sich in zwei Bereiche einteilen: Dabei handelt es sich erstens um inhaltliche Beiträge von Frauen für die Entwicklung der Chemie ganz direkt. Im Mittelpunkt steht hier das Aufzeigen von bislang von der Geschichtsschreibung nicht oder nicht angemessen gewürdigten Chemikerinnen sowie das Aufzeigen von Frauen als "unknown helpers", die wichtige Aufgaben z. B. bei der Durchführung von Experimenten übernommen hatten. Ein zweiter Bereich weist auf eher indirekte Beiträge von Frauen für die Weiterentwicklung der Chemie hin, die sich insbesondere auf die Vermittlung und Weiterverbreitung ihrer theoretischen und experimentellen Diskurse, d. h. auf ihre didaktische Aufarbeitung, erstrecken. Diese hatten zwar keinen direkten Einfluss auf die Chemie selbst, aber auf die Ausbildung chemischer Kompetenzen und damit indirekt auch auf die Entwicklung der Chemie (Szász 1997, Wiemeler 2001).

  • Gender in Chemistry/Geschlecht in der Chemie

    • Hier geht es um die Frage, wie sich die Geschlechterverhältnisse inhaltlich in die Art der Fragestellungen, der theoretischen Konzepte und der Gestaltung der Produkte und Prozesse der Chemie einschreiben. Vor dem Hintergrund von Gender Mainstreaming beginnt aktuell auch die Frage Bedeutung zu erhalten, wie sich die Produkte der Chemie auf die Geschlechterverhältnisse auswirken. So konnten für die Thermodynamik, die zwischen Physik und Chemie anzusiedeln ist, beispielhaft strukturelle Zusammenhänge zwischen der naturwissenschaftlichen Kontroverse über atomistisch-mechanistische und energetische Naturauffassungen einerseits und dem geschlechterpolitischen Diskurs über das Frauenstudium und die Öffnung der Universitäten für Frauen andererseits aufgezeigt werden (Heinsohn 2005). Die Untersuchung arbeitete heraus, dass die Ablehnung des Frauenstudiums mit naturwissenschaftlichen Argumenten begründet wurde. Danach schade die geistige Arbeit von Frauen wegen ihres höheren Energieverbrauchs der Fortpflanzungsfähigkeit, weswegen das Frauenstudium als Energievergeudung zu betrachten sei. Weiterhin wurden die geschlechtsneutral formulierten und gedachten Problemformulierungen und -lösungen der Chemie auf Leerstellen und Schieflagen im Umgang mit geschlechtlich codierten Bereichen wie Produktion und Reproduktion analysiert. Der gesellschaftliche Stoffumgang wurde exemplarisch auf das ihn bestimmende Verhältnis zwischen dem "weiblich" gedachten Bereich der Reproduktion, dem privaten Konsum und damit verknüpft der Nutzung von Stoffen und dem "männlich" gedachten Bereich der Entwicklung, Gestaltung und Herstellung von Stoffen untersucht (Weller 1995, Weller 2004). Die Ergebnisse verweisen zum einen darauf, dass über die Nutzung von Stoffen und ihr Verhalten – eingebunden in alltäglich verwendete Produkte – im Vergleich zu ihrer Herstellung deutlich weniger Wissen zur Verfügung steht. Dies ist mit auf das Problem der Übertragbarkeit des Wissens über die Eigenschaften von Stoffen, die in chemischen Experimenten unter Laborbedingungen gewonnen wurden, auf das Verhalten dieser Stoffe in der realen Welt zurückzuführen. Für den Stoffumgang der Chemie lässt sich die Nutzung als eine Leerstelle kennzeichnen und insofern eine dekontextualisierte Problemsicht feststellen, die den gesellschaftlichen Handlungskontext des Umgangs mit Stoffen vielfach ausblendet. Diese Leerstelle lässt sich als Ausdruck der Geschlechterordnung verstehen, wonach der Bereich des privaten Konsums, in dem die Nutzung und Anwendung von Produkten und der in ihnen eingesetzten Stoffe stattfindet, als weiblich codiert abgespalten und abgewertet wird (Weller 1995, Weller 2004, Weller 2006). Zum anderen sind in diesem Zusammenhang Untersuchungen zu nennen, die die Chemikalienpolitik und Chemikaliensicherheit auf ihre Folgen für die Geschlechterverhältnisse untersuchen (Buchholz 2004, Buchholz 2006). Sie zeigen, dass die Regelungen zur Chemikaliensicherheit und neue Entwicklungen der Chemikalienpolitik bislang kaum der Frage nach Differenzen zwischen den Geschlechtern in der Exposition und in den Folgen der Belastung mit gesundheitlichen Problemstoffen nachgehen, um diese z. B. bei der Festlegung von Grenzwerten zu berücksichtigen. Insofern verweisen diese Debatten und Studien auf problematische Grundannahmen über einen Durchschnittsmenschen, der implizit als männlich, gesund, jung, nicht schwanger und erwerbstätig gedacht wird. Dies bedeutet zum einen, dass die Lebenssituationen anderer gesellschaftlicher Gruppen, z. B. von Kindern, Frauen oder männlichen Kranken, nicht angemessen berücksichtigt werden. Und es bedeutet zum anderen, dass die Expositionssituationen, die sich nicht auf den beruflichen Kontext und die Erwerbsarbeit beziehen, ebenfalls nur am Rande in die Bewertung der Risiken von Stoffen einbezogen werden.

Formen der Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Für die Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in den Studiengang der Chemie sind folgende Möglichkeiten denkbar, die berücksichtigen, dass die Bedeutung der Kategorie Geschlecht für die Chemie bislang nicht im Studium thematisiert wird und daher zunächst "Ankerpunkte" gesucht werden müssen.

  1. Modulelement "Geschlechterforschung in der Chemie" in Wahlfächern wie "Philosophie der Naturwissenschaften" oder "Geschichte der Naturwissenschaften", die insbesondere auf die Bedeutung der Geschlechterverhältnisse für die inhaltliche Entwicklung der Chemie und auf die Beiträge von Frauen für die Chemie in historisch-bibliographischer Perspektive fokussieren.
  2. Modulelement "Geschlecht und Chemie" als Teil von Veranstaltungen, die sich mit Themenfeldern der Toxikologie und des Arbeitsschutzes befassen. In diesem Modul sollte der Schwerpunkt auf Chemikalienpolitik und -sicherheit und Gender und auf androzentrischen Grundannahmen der Bewertung und ihren Folgen für die Geschlechterverhältnisse liegen.
  3. Modulelement "Geschlechterverhältnisse in der Chemie" als Teil von Veranstaltungen, die in die Berufsfelder und die Berufspraxis von ChemikerInnen einführen. Schwerpunkt sollte hier die Auseinandersetzung mit Geschlechterungleichheiten mit Blick auf das Ziel Chancengleichheit in der Chemie sein.
  4. Modulelement "Geschlechterforschung in der Chemie" im Rahmen von Gender-Studies-Angeboten zu Geschlechterforschung in Naturwissenschaft und Technik, die nach den Gemeinsamkeiten und Besonderheiten der Chemie im Vergleich zu anderen naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen fragen.

Studienphase:

Die genannten Inhalte sollten in die grundständigen Studiengänge (Bachelor-Phase) insbesondere im fünften und sechsten Semester integriert werden. Sinnvoll wäre eine weitere Vertiefung in den sich anschließenden Master-Studiengängen.

Schlagworte:

Chemie, Women in Chemistry, Frauen in der Chemie, Chemie, Engineering Science, Polymer- und Kolloidchemie, Lebensmittelchemie, Wasser, Wirtschaftschemie, Angewandte Naturwissenschaften, Applied Polymer Science, Wirtschaftsingenieurwesen (Chemie), Biochemie, Chemie-Verfahrenstechnik, Complex Condensed Materials and Soft Matter, Pharma- und Chemietechnik, Pharma- und Chemietechnik, Chemistry with Materials Science, Pharmazeutische Chemie, Technologie der Kosmetika und Waschmittel, Lehramt Chemie

Erstellt von
Prof. Dr. Ines Weller
Universität Bremen
Forschungszentrum Nachhaltigkeit
weller[at]uni-bremen.de