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Geschichtswissenschaft

Auch relevant für die historischen Anteile der kulturwissenschaftlichen Fächer Germanistik, Anglistik, Romanistik, Literatur- und Sprachwissenschaften, Religionswissenschaften, Kunstgeschichte, Archäologie, Musik- und Medienwissenschaften wie auch Erzi

Fach: Geschichtswissenschaften
Fächergruppe/n: Geisteswissenschaften

Inhalt:

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Lehrziele:

Geschlecht hat man nicht – man tut es. So könnte das aktuelle Lemma der historischen Geschlechterforschung lauten. Denn in den letzten Jahrzehnten wurde sowohl in Forschung als auch in Lehre die praxeologische und linguistische Wende (cultural turns) immer wieder aufgegriffen. Diese Wenden, die z.T. Wiederentdeckungen und Akzentuierungen von Perspektiven und methodischen Zugängen für die Analyse von Gesellschaften in den meisten Disziplinen bedeuteten, haben auf jeden Fall einen Perspektivgewinn für die historische Geschlechterforschung gebracht. „Geschlecht tut man“ (in Abgrenzung zu „Geschlecht hat man“) entspricht der Erkenntnis, dass Geschlecht und Geschlechterverhältnisse historisch bedingte Konstruktionen sind und Momentaufnahmen darstellen. Diese Konstruktionen, Praktiken, Bedingungen, Relationen, Denk-und Wahrnehmungshorizonte, wie individuelle Voraussetzung von Geschlechterzuweisungen, sind Gegenstände der historischen Geschlechterforschung. 

Die Historisierung von Geschlechterrollen ermöglicht den Studierenden die Einsicht in spezifische Entstehungsmomente und Argumentationen. Dabei geht es nicht nur um die Zuweisung von Rollen und Bedeutungen, sondern auch darum, wie letztere in den Humanwissenschaften zum Ausdruck kommen. Anatomische Geschlechterkonstruktionen werden genauso analysiert und historisiert, wie geistesgeschichtliche Wahrnehmungshorizonte. Entstehungsgeschichten, Wandel und Brüche werden aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und so „ans Tageslicht“ befördert. Dabei sind in den letzten Jahren nicht nur Weiblichkeiten und Männlichkeiten betrachtet, sondern die gesamte epistemologische Geschlechterzuweisung als historisches Moment entlarvt worden.

Tatsächlich verläuft die Geschichte der Geschlechter und ihrer Verhältnisse zueinander nicht linear und fortschrittsorientiert. Manche Prozesse vollziehen sich gleichzeitig ohne sich zwingend gegenseitig zu beeinflussen. Andere stehen in Widerspruch zueinander – nie aber sind sie in sich abgeschlossen. Wissen über Geschlecht ist also stark kontextabhängig. Es wird nicht nur als Buch- und Bildungswissen konzeptualisiert, sondern steht in klarem Bezug zu praktischem Handeln. In Konzepten wie „doing gender“ oder „performing gender“, geht es um Handlungen und Positionierungen von Körpern; es geht um die Zurschaustellung von Geschlecht, welche normatives Geschlechterverständnis und –wissen überhaupt erst erzeugen.

Durch die kritische Analyse von Quellen jeglicher Art erwerben Studierende die Kompetenz Erkenntnisse über Geschlechterkonstruktionen, Bedeutungszuweisungen, Machtstellungen, sowie Brüche und Widerstände zu generieren. Um wirklich fundierte Aussagen zum Thema Geschlecht zu treffen, lernen sie durch Rezeption von Fachliteratur, Quelleninhalte kritisch zu prüfen, einzuordnen und in Beziehung zu anderen Forschungen zu setzen. Studierende lernen auch die Wandelbarkeit von Geschlechterverhältnissen nicht nur zu „sehen“, sondern sie als zentrales Moment gesellschaftlicher Machtkonstellationen zu verstehen. Hierin liegt auch die gesellschaftliche Relevanz des Fachbereichs. Geschlechterordnungen sind ein zentrales Moment von gesellschaftlichen Machtkonstellationen und Gesellschaftsordnungen. So ermöglicht der Erwerb von Schlüsselqualifikationen wie kritisches Lesen der Quellen, Recherchewerkzeuge beherrschen, Durchdringung der gesellschaftlichen Kategorien wie Geschlecht und Macht und diese in Beziehung zu anderen Kategorie setzen zu können, nicht nur die Fähigkeit wissenschaftlich zu arbeiten sondern auch die Nutzung für das eigene Handeln. Die erworbenen Kenntnisse können auf vielfältige Art und Weise für sozial-politische Projekte oder individuelles Handeln genutzt werden.

 

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Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Das universitäre Studium der Geschlechtergeschichte(n) begann zunächst vor vierzig Jahren mit der Analyse der Lebenswelten von Frauen. Dabei stellte man Frauen oft entsprechenden männlichen Berühmtheiten der Geistesgeschichte zur Seite. Ob nun additiv oder kompensatorische Geschichtsschreibungen entstanden, schnell wurde klar, es geht darum, die gesamte Geschlechterordnung als Gesellschaftsmodell, zu erforschen. Dafür wurden Archive bis auf die hintersten Winkel nach Spuren von Frauen und Aussagen zum Thema Geschlecht durchsucht. Große Ordnungsmodelle der Historiographie wie z. B. die für unser Fach spezifische Epocheneinteilung, wurden zunehmend in Frage gestellt und neu durchdacht.

Zäsuren zwischen Antike – Mittelalter – Neuzeit erwiesen sich als zu statisch und für die Geschlechtergeschichte als zu fortschrittsorientiert konzeptualisiert. Auch die Einteilung in Vormoderne und Moderne erwies sich nicht immer als produktiv für die Erforschung von Geschlechterordnungen. Kategorien wie Öffentlichkeit und Privatheit konnten einerseits wertvolle Erkenntnisse über den seit der Aufklärung praktizierten Ausschluss von Frauen aus bestimmten gesellschaftlichen Bereichen fördern. Andererseits erwiesen sie sich für die Untersuchungen von anderen Kulturen oder bestimmter endogamer Gesellschaftsformen wie das Klosterleben als unbrauchbar. So bleibt die große Herausforderung der historischen Geschlechterwissenschaft die Kontingenz der eigenen Konzepte produktiv zu gestalten ohne dabei beliebig zu sein.

Das Fach Geschichte hat, durch verschiedene Entwicklungen in der eigenen und in Nachbardisziplinen, eine Neudefinition erfahren. Der Wechsel hin zu einer kulturwissenschaftlicheren Ausrichtung und Methodik, hat den Konstruktionscharakter von Geschlecht durch die verschiedenen Zeiten, gesellschaftlichen Konstellationen und Eigenwahrnehmungen hindurch geschärft. Dabei war es auch möglich die Geschichtsschreibung selbst in den Fokus zu rücken und innerdisziplinäre Traditionsbildungen infrage zu stellen und neu zu bewerten. Verbreitete Bilder, Stereotype und Vorannahmen gelebter Geschlechterverhältnisse und –ordnungen, beispielsweise in der Fachliteratur, wurden als (Rück-)Projektionen der emporkommenden Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts entlarvt. Somit wurde die eigene Traditionsbildung historisiert und neu aufgestellt und monokausale Erklärungsmodelle wie auch flächen- und zeitdeckende Aussagen über Geschlecht abgelehnt. Stattdessen fand eine fruchtbare Aufnahme von Methoden anderer Disziplinen in das Fach statt.

Methoden

Es wurden qualitative als auch quantitative Quellentypen und Forschungsgegenstände definiert, die den Erkenntnisgrad über Geschlecht um ein vielfaches erweiterten. Lebenswelten, Leitbilder, Ordnungsmuster, symbolische Repräsentationen, Aktionsräume, Praktiken, Beziehungsmuster, Gefühlswelten und politische Entwürfe wurden aufs Neue analysiert. Die normative Bestimmung der Geschlechterverhältnisse und –bilder rückte aber auch das individuelle und gruppenspezifische Handeln in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Dabei wurde das Forschungssubjekt dezentralisiert und seine Konstruktion breiter aufgefächert. Wie in traditioneller Geschichtsschreibung üblich wird Menschen nicht mehr nur Autonomie, Logik, Selbstreflektiertheit, Selbstbezogenheit und absolute Unabhängigkeit zugeschrieben, sondern auch Zwang, Zufall, Willkür und Unbewusstheit. Damit „wagt“ die historische Geschlechterforschung eine Offenheit, die in der Disziplin heiß diskutiert wird. Sie behauptet, dass manche Motivationslagen vielleicht gar nicht historisierbar und erklärbar sind.

Die Methoden richten sich daher nicht mehr auf das „Nachvollziehen“ und ans „Licht bringen“ von Tatsachen und Wahrheiten, sondern auf mögliche Handlungen, Aussagen und Prozesse von Subjekten in der Vergangenheit. Geschlecht wird dabei als mehrfach relationale, interdependente und strukturierende Kategorie konzeptualisiert. Dies erfordert im Studium eine fundierte und kritische Methodenausbildung. Letztere ermöglicht den Studierenden sich kritisch mit historischen Phänomenen und Quellen auseinanderzusetzen, sie in Beziehung zu setzen zur Forschung und die Erkenntnisse in die eigene Lebenswelt zu übersetzen. Die Rekonstruktion vergangener Lebenswelten kann somit auch neue Diskussionen, Perspektiven und Deutungen anstoßen.

Interdisziplinarität

Da Geschlecht nicht nur eine von vielen historischen Kategorien ist, sondern auch grundlegende Denkstruktur gesamtgesellschaftlich, wird in vielen anderen Disziplinen auch über Geschlecht, seine Geschichte und seine Vermittlung nachgedacht, geforscht und gelehrt. Eine lange Zusammenarbeit existiert bereits mit der Rechtswissenschaft („Weibliche und männliche Kriminalität,“, „Hexenverfolgung“) wie auch mit der Historischen Anthropologie, seit Beginn an mit den Kulturwissenschaften, den Erziehungswissenschaften und den Sozialwissenschaften. Darüber hinaus etablierten sich erst in jüngster Zeit auch die Zusammenarbeit mit den Lebenswissenschaften, der Medizin, den Wirtschaftswissenschaften, Verwaltungswissenschaften, Ernährungswissenschaften, Soziale Arbeit u.v.m.

 

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Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Das Studium im Fach Geschichte erfolgt grundsätzlich modularisiert nach Epochen aufgeteilt: Ur- und Frühgeschichte (nicht an allen Universitäten), Antike, Mittelalter (hier in einigen Universitäten nach Frühmittelalter, Hochmittelmittelalte und Spätmittelalter), Frühe Neuzeit und Neuzeit (Neuere und Neuste Geschichte/Zeitgeschichte). In allen Epochen und Teilepochen ist das Studium von Geschlecht sinnvoll und auf Basis von Forschungsliteratur wie Quellen möglich.

Über historische Querschnittsthemen, geopolitischen Schwerpunktsetzungen und unterschiedlicher Perspektivierungen von Geschichte:

  • Am Beispiel von Geschlechtergeschichte können immer wiederkehrende Themen wie Konflikt und Krieg, Macht und Herrschaft, Körper, Sexualität, soziale Praktiken, Emotionen, gesellschaftliche Ordnungsprinzipien oder Arbeit erschlossen und historisiert werden.
  • Regional- und landesgeschichtliche Schwerpunkte wie Geschichte Osteuropas, Geschichte Nordamerikas, Lateinamerikanische Geschichte usw. können ebenfalls produktiv durch geschlechterhistorische Fragen analysiert werden.
  • Auch Theorie- und Methodendebatten – etwa über Raum, symbolische Kommunikation, Globalgeschichte, Postkoloniale Analysen, Erinnern etc. sind sinnvoll in der Lehre zu vermitteln und breit zu diskutieren.

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Studienphase:

Geschlecht war und ist eines der Ordnungsprinzipien von Gesellschaften, unabhängig von ihrer Macht- und Bedeutungszuweisung. Daher sollte bereits im Bachelorstudium historische Geschlechterforschung angeboten werden und wahrgenommen werden. Nicht nur die modularisierten und epochenbezogenen Seminare sollten im Grundstudium absolviert werden, sondern eben auch durch die Teilnahme an epochenübergreifenden Lehrangeboten, Zusatzangeboten oder Angeboten von Nachbardisziplinen, das Studium von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen in den Blick genommen werden.

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