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Gender Curriculum Archäologie

Auch relevant für: Alte Geschichte, Altertumswissenschaften, Kulturanthropologie, Soziologie und allgemeine Geschlechterforschung

Fach: Archäologie
Fächergruppe/n: Geisteswissenschaften

Lehrziele:

Zu den Lernzielen gehören:

  • Überblick über kulturspezifische Vorstellungen von Körper und Geschlecht in verschiedenen historischen Gesellschaften (z. B. prähistorische Gesellschaften, Altes Ägypten, Alter Orient, Antikes Griechenland, Antikes Rom, Spätantike Europas, europäisches Frühmittelalter). 
    Studierende erwerben die Kompetenz, die Pluralität von Geschlechterkonzepten und daraus resultierenden sozialen Normen zu erkennen und kritisch zu reflektieren. Dies befähigt sie, diskriminierende Praktiken sowie mögliche Missbräuche vergangener Gesellschaften kritisch zu analysieren.
  • Besonderheiten der archäologischen Geschlechterforschung mit Schwerpunkt auf materieller Kultur und menschlichen Überresten (einschließlich bioarchäologischer Methoden zur Bestimmung des chromosomalen und skelettalen Geschlechts, z. B. alte DNA-Analysen, Peptidanalysen, Skelettmorphologie). 
    Studierende erwerben grundlegende Kenntnisse über archäologische Methoden zur Untersuchung von Geschlecht, die auf verwandte Fachbereiche übertragbar sind, etwa in der physischen Anthropologie oder Bioarchäologie im Master- und Promotionsstudium.
  • Kritische Analyse der Darstellung von Geschlecht in Museumsausstellungen sowie Erarbeitung von Best-Practice-Ansätzen zur Integration aktueller Forschung in Museumsprogramme. 
    Studierende entwickeln Kompetenzen in kritischem und lösungsorientiertem Denken, die auf verwandte Disziplinen wie Museologie und Kulturerbestudien im weiterführenden Studium übertragbar sind.
  • Kritische Reflexion gängiger Geschlechterstereotype in der Archäologie und Entwicklung von Strategien zu deren Überwindung in Forschung und Wissenschaftskommunikation. 
    Die Studierenden erwerben Fähigkeiten in öffentlicher Archäologie und Wissenschaftskommunikation, insbesondere im Kontext der Geschlechterforschung.

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Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Darstellung der einzelnen Fachteile/-gebiete:

  • Funeräre Archäologie des Geschlechts beschäftigt sich mit den Geschlechternormen, die in Bestattungspraktiken vergangener Gesellschaften zum Ausdruck kommen. Grundannahme ist, dass Verstorbene von den Lebenden begraben werden, und dass die Lebenden dabei ihre eigenen Geschlechternormen auf die Toten projizieren. Frühere Archäolog*innen ordneten den begrabenen Personen ihr Geschlecht anhand moderner Vorstellungen über typische Grabbeigaben zu (z. B. Schmuck für Frauen, Waffen für Männer). Heute vermeiden Archäolog*innen derartige Annahmen und kombinieren bioarchäologische Methoden zur Geschlechtsbestimmung mit der Analyse der zugeordneten Grabbeigaben. Diese Aspekte sollten bereits im Bachelorstudium vermittelt werden, da Studierende in Feldpraktika regelmäßig mit Bestattungen in Berührung kommen.
  • Bioarchäologie des Geschlechts untersucht die Auswirkungen von Geschlecht und Geschlechternormen auf den Lebensverlauf vergangener Gesellschaften. Verschiedene wissenschaftliche Methoden zur Geschlechtsbestimmung, die ihren Ursprung in der Humanbiologie und physischen Anthropologie haben, werden behandelt. Mithilfe von Stabilen-Isotopen-Analysen und DNA-Analysen wird der Zusammenhang zwischen Geschlecht, Ernährung und Mobilität untersucht. Durch physische Anthropologie werden zudem Zusammenhänge zwischen Geschlecht, Tätigkeiten (Berufen) und Gewalterfahrungen erforscht. Grundlegende Elemente dieser Methoden sollten bereits im Bachelorstudium vermittelt werden, da Studierende im Rahmen von Ausgrabungen mit menschlichen Überresten arbeiten. Diese Methoden bilden den aktuellen Stand der Forschung in allen archäologischen Disziplinen und sind besonders relevant für den Arbeitsmarkt. Solide Kenntnisse können im Masterstudium der physischen Anthropologie und Bioarchäologie vertieft und auf eigene Promotionsprojekte vorbereitet werden.
  • Siedlungsarchäologie des Geschlechts beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Geschlecht und Alltag, Berufen, Arbeitsteilung, Raumnutzung und Lebensunterhalt. Da hierbei keine menschlichen Überreste vorliegen, stellt dies einen besonders anspruchsvollen Teilbereich dar. Das Fach analysiert daher kritisch schriftliche Quellen zu geschlechtsspezifischen Aktivitäten sowie deren visuelle Darstellungen und stützt sich auf Ethnoarchäologie, die die Entstehung archäologischer Befunde in Echtzeit untersucht. Grundlegende Elemente dieser Methoden sollten bereits im Bachelorstudium vermittelt werden, da Studierende im Rahmen von Feldpraktika mit materieller Kultur in Berührung kommen, der sie häufig geschlechtsspezifische Konnotationen zuweisen, ohne sich möglicher Vorurteile bewusst zu sein.

Methodische und theoretische Zugänge:

Die Archäologie des Geschlechts ist ein explizit multi- und interdisziplinäres Teilgebiet der Archäologie. Sie profitiert vom multidirektionalen Wissenstransfer und stützt sich auf Methoden der physischen Anthropologie (Bioarchäologie), der Analyse materieller Kultur, der Kunstgeschichte, Geschichtswissenschaft, Kulturanthropologie, Ethnologie und Ethnoarchäologie. Theoretisch ist sie von feministischer Forschung, Gender Studies und Queer-Theorie in Philosophie, Anthropologie, Soziologie und Literaturwissenschaft geprägt. Die Ansätze reichen von evolutionären über poststrukturalistische und Queer-Theorien bis hin zu posthumanistischen Perspektiven. Verschiedene Archäolog*innen unterscheiden zwischen biologischem und soziokulturellem Geschlecht oder betrachten beide als Ergebnis performativer Praktiken, die Geschlechtsunterschiede naturalisieren (beeinflusst durch Judith Butler). Geschlechtertheorien, die Intersexualität und Transsexualität einbeziehen, finden erst seit kurzem Eingang in archäologische Diskurse. Zudem wird das Feld zunehmend durch das Konzept der Intersektionalität (Kimberlé Crenshaw) geprägt, das aufzeigt, dass Unterdrückung auf mehreren Achsen zugleich wirkt.

Handlungs- und Praxisfelder:

Die Archäologie des Geschlechts kritisiert Androzentrismus und Sexismus innerhalb der Archäologie, hinterfragt Stereotype und Geschlechterannahmen und plädiert für Standpunktreflexion, Selbstreflexion und die Anerkennung pluraler Lebensweisen und Erfahrungen. Sie eröffnet unterschiedliche Verständnisse von Geschlecht in vergangenen Gesellschaften und untersucht kritisch die Evidenz für Geschlecht jenseits der Binarität, queere Ausdrucksformen und die Infragestellung sozialer Normen in der Vergangenheit. In den 1990er Jahren inspirierte die Archäologie des Geschlechts die Entstehung einer explizit queeren Archäologie.

Professionsaspekte:

Die Archäologie des Geschlechts setzt sich für Gleichstellung der Geschlechter innerhalb des Berufsfeldes ein. Sie positioniert sich gegen geschlechtsspezifische Lohnunterschiede, Sexismus und Homophobie und untersucht kritisch die Geschichte der Archäologie, insbesondere die Beiträge von Frauen und anderen Minderheiten. Zudem widmet sie sich der Prävention und Bekämpfung von Belästigung und Mobbing innerhalb der Disziplin.
 

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Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Die Archäologie des Geschlechts kann in verschiedene Altertumswissenschaften integriert werden, etwa in die Ur- und Frühgeschichte, Ägyptologie, Koptologie, Assyriologie, Klassische Archäologie, Römische und Provinzialrömische Archäologie sowie Mittelalterarchäologie. Sie kann sowohl als eigenständiges Modul angeboten werden als auch in bestehende Module wie Funeräre Archäologie, Bioarchäologie, Siedlungsarchäologie, Denkmalpflege und Museologie integriert werden. Obwohl dies häufig vernachlässigt wird, sollte die Archäologie des Geschlechts ein integraler Bestandteil umfassenderer Geschlechterforschung darstellen.

Darstellung konkreter Veranstaltungs- und Modultitel sowie beispielhafter Umsetzungskonzepte:

  • „Geschlecht und Archäologie“ – Veranstaltung in Form eines Studientermins im Kurs Einführung in die Archäologie. Studierenden im Bachelorstudium werden die zentralen Konzepte und Methoden anhand anschaulicher Beispiele vermittelt. Die Beispiele können fachspezifisch gewählt werden (z. B. Ur- und Frühgeschichte, Altes Ägypten, Antikes Griechenland, Antikes Rom, Mittelalterliches Europa).
  • „Archäologie der Geschlechter“ – Veranstaltung als Bachelor- und Masterkurs, der einen Überblick über drei zentrale Fachteile gibt: Funeräre Archäologie des Geschlechts, Bioarchäologie des Geschlechts und Siedlungsarchäologie des Geschlechts. Der Kurs kann auch für Studierende anderer Fachrichtungen geöffnet werden.
  • „Archäologie der Geschlechter: interdisziplinäre Ansätze“ – Mastermodul, das mehrere Kurse innerhalb der Archäologie des Geschlechts umfasst, z. B. Funeräre und Bioarchäologie des Geschlechts, Siedlungsarchäologie des Geschlechts und Geschlecht, Kulturerbe und Museen.
     

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Studienphase:

Bachelor (einführend):

  • Überblick über das kulturspezifische Verständnis von Körper und Geschlecht in verschiedenen vergangenen Gesellschaften. Studierende erhalten eine Einführung in unterschiedliche Vorstellungen von Geschlecht und Körper und deren kulturelle Kontexte. Der Fokus liegt auf dem Verständnis des Körpers in Bezug auf Geschlecht innerhalb spezifischer Gesellschaften, abhängig vom jeweiligen archäologischen Fachgebiet (vertiefend).
  • Grundlagen archäologischer Geschlechterforschung mit Schwerpunkt auf materieller Kultur und menschlichen Überresten. Studierende lernen grundlegende Methoden und Konzepte kennen, die für die Analyse von Geschlecht in archäologischen Kontexten relevant sind.

Master (vertiefend):

  • Kritische Analyse der Darstellung von Geschlecht in Museumsausstellungen. Studierende erwerben die Fähigkeit, museale Präsentationen hinsichtlich ihrer genderbezogenen Inhalte zu hinterfragen und aktuelle Forschungsergebnisse kritisch einzubeziehen.
  • Kritische Reflexion gängiger Geschlechterstereotype in der Archäologie. Fokus auf die Identifikation und Überwindung von Stereotypen sowie auf die Förderung eines reflektierten Umgangs mit Geschlechterfragen in der Forschung.
  • Geschlecht und öffentliche Archäologie („public archaeology“). Studierende analysieren die Rolle von Geschlecht in der Vermittlung archäologischen Wissens an die Öffentlichkeit und entwickeln Konzepte für eine geschlechterbewusste Wissenschaftskommunikation.