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Volkswirtschaftslehre

z. T. relevant für Wirtschaftswissenschaften (VWL + BWL), Finanzwissenschaft, Europäische Wirtschaft

Fach: Europäische Wirtschaft, Finanzwissenschaft, Volkswirtschaftslehre
Fächergruppe/n: Rechts- und Wirtschaftswissenschaften

Lehrziele/Studienziele:

  • wirtschaftliche Ungleichheit der Geschlechter differenziert beschreiben und erklären (Ursachen, theoretische Analyse)
  • ökonomische Wirkungen dieser Ungleichheit diskutieren
  • wirtschaftspolitische Instrumente unter Gender-Aspekten und im Hinblick auf ihre gleichstellungspolitische Effizienz analysieren
  • versteckten und offenen geschlechterpolitischen Gehalt volkswirtschaftlicher Aussagensysteme erkennen und kritisch reflektieren
  • vorhandene Paradigmata/Ansätze einer feministischen Ökonomik bzw. Gender Economics kennenlernen

Lehrinhalte/fachspezifische Inhalte der Geschlechterforschung:

Die Volkswirtschaftslehre ist, insbesondere im deutschsprachigen Raum, ein stark männerdominiertes Fach. Gender-Themen werden als Marginalie behandelt. Dies gilt vor allem für Lehrbücher, in denen bekanntlich der "Wissensbestand" des Faches tradiert wird. In personeller Hinsicht sind unter den universitären Disziplinen nur die Natur- und die Ingenieurwissenschaften ähnlich hochsegregiert wie die VWL. Spitzenpositionen (C4-Professuren an Universitäten, Leitung von Wirtschaftsforschungsinstituten und führender Beratungsgremien) sind nahezu frauenfrei. Die Gründe dafür sind zum einen fachunspezifischer Natur. In der VWL dürfte jedoch die rigide, mathematisch-naturwissenschaftlich orientierte Methodologie des Faches Frauen und Frauenthemen den Zugang zusätzlich erschweren. Dies gilt sowohl im Hinblick auf den neoklassischen Mainstream als auch auf die zunehmend formalisierte keynesianische Makroökonomik.

Was die begrifflichen Vorentscheidungen angeht, stehen im Zentrum der fehlenden bzw. verzerrten Wahrnehmung des Geschlechterverhältnisses durch die VWL

  1. die Ausblendung von ökonomischen Aktivitäten, die nicht unmittelbar über Märkte oder den öffentlichen Sektor laufen, insbesondere der überwiegend von Frauen geleisteten Hausarbeit, aber auch etwa der ehrenamtlichen Arbeit bzw. inoffizieller oder illegaler Arbeit,
  2. die Nicht-Thematisierung von Ungleichheit und Konflikten zwischen den Geschlechtern.

Hinzu kommt, dass wie in anderen wissenschaftlichen Disziplinen auch Gender- und vor allem feministische ForscherInnen Minderheitspositionen repräsentieren. Diese aber können sich in einem eher methodenmonopolistisch strukturierten Fach wie der VWL nur schwer entwickeln und etablieren:

  • Volkswirtinnen, die Gender-Forschung betreiben, lassen sich vor allem danach klassifizieren, ob sie primär im Rahmen des neoklassischen Mainstreams und seiner Weiterentwicklungen (Neue Institutionenökonomik) argumentieren oder sich pluraler heterodoxer Methodologien bedienen (z. B. wirtschaftshistorisch, deskriptiv-statistisch, wirtschaftssoziologisch, sozialökonomisch, marxistisch).
  • Feministische ÖkonomInnen, die außerhalb des neoklassischen Paradigmas argumentieren, unterziehen auch die Grundbegriffe des Faches einer fundamentalen Kritik. Statt der einseitigen Konzentration der Analyse auf zumeist als konfliktfreie modellierte erwerbswirtschaftliche Prozesse plädieren sie für die Einbeziehung von Nicht-Markt-Institutionen und aller relevanten Ressourcen, gesellschaftlicher Machtverhältnisse und Konflikte, historischer Entstehungsbedingungen und gesellschaftlicher Bedingungen ökonomischer Verhältnisse, sozialen Wandels, organisierter Interessen und kollektiven Handelns. Das bislang einzige VWL-Lehrbuch, in dem diese grundlegende Kritik einbezogen wird, ist das unten zitierte "Microeconomics in Context".

Lehrbücher zum Thema "Ökonomik des Geschlechterverhältnisses" gibt es demgegenüber eine ganze Reihe (vgl. unten). Diese informieren darüber, wie das Geschlechterverhältnis in unterschiedlichen Paradigmata konzipiert wird, thematisch konzentrieren sie sich auf Haushaltsproduktion, Arbeitsmarkt und Einkommensverteilung.

Einen detaillierten Überblick (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) über volkswirtschaftliche Themen der Geschlechterforschung gibt die nachstehende Übersicht:

Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

  • Folgen der Nicht-Berücksichtigung der Haushaltsproduktion bzw. der Nicht-Marktproduktion generell im Bruttoinlandsprodukt
  • Haushalts-Satellitensystem des Statistischen Bundesamtes

Makroökonomik

  • Makroökonomische Auswirkungen eines steigenden Frauenerwerbsangebots und von Veränderungen der Haushaltsproduktion auf Wachstum und Beschäftigung
  • Auswirkungen von Strukturverschiebungen zwischen Haushaltsproduktion, staatlicher Produktion und Marktproduktion auf Gleichstellung, Wachstum und Beschäftigung
  • Unterschiedliche Formen der Koordinierung von Geschlechterverhältnis, Wohlfahrtsregime und beschäftigungspolitischem Konzept
  • Auswirkungen unterschiedlicher makroökonomischer Konzepte (Keynesianismus vs. Washington Consensus) auf die sozialökonomische Situation von Frauen

Theoriegeschichte

  • Offene oder versteckte Aussagen volkswirtschaftlicher Denker zum Geschlechterverhältnis/zur Ideologiekritik
    Rekonstruktion der Beiträge von Frauen zur Volkswirtschaftslehre
    Geschichte des Zugangs von Frauen zur volkswirtschaftlichen Lehre und Forschung

Wirtschaftsgeschichte

  • Wandel des ökonomischen Geschlechterverhältnisses
  • Geschichte der Haushaltsproduktion und der Beteiligung von Frauen am Erwerbsprozess
  • Rolle der staatlichen Wirtschaftspolitik und der großen wirtschaftlichen Interessenverbände bei der Strukturierung des Geschlechterverhältnisses

Ökonomische Theorie der Familie

  • Neoklassisch fundierte Ansätze (einschl. Verhandlungsmodelle) und ihre Kritik (marxistische und feministische Ansätze) Spezialisierung, Eheschließung/-scheidung, Kinder
  • Geschlechtsspezifisches Erwerbsangebot neoklassische, marxistische, sozialökonomische Ansätze; dazu empirische Studien und internationale Vergleiche
  • Ökonomische Auswirkungen sich wandelnder Familienstrukturen

Familienpolitik

  • Ziele; theoretische Fundierung; Instrumente (Transfers einschl. steuerliche Förderung/Ehegattensplitting, soziale Dienste, zeitwerte Rechte); Auswirkungen, insbesondere auf die Gleichberechtigung der Geschlechter, aber auch auf die Geburtenentwicklung; Familieneinkommen/Einkommensverteilung, Frauenerwerbsangebot, Beschäftigung
  • Internationale Vergleiche

Geschlechtsspezifische Qualifikation

  • Geschlechtsspezifische Segmentation des Bildungs-, Aus- und Weiterbildungssystems
  • Geschlechtsspezifische Konstruktion und Bewertung von Qualifikationen
  • Volkswirtschaftliche Bewertung, insbesondere Effizienz, dieser Segmentation
  • Besondere Gruppen, insbesondere MigrantInnen
  • Politische Konsequenzen

Geschlechtsspezifischer Arbeitsmarkt

  • Beschreibung und Erklärung der geschlechtsspezifischen Segmentation/Segregation (nach Berufen, Branchen); Branchen- und Berufsanalysen
  • Beschreibung und Erklärung geschlechtsspezifischer Verdienstunterschiede
  • Humankapitaltheorie, neoklassische Diskriminierungstheorien, feministisch-sozial-ökonomische Ansätze
  • Empirische Untersuchung geschlechtsspezifischer Verdienstunterschiede, insbesondere regressionsanalytisch
  • Allgemeine Lohnstrukturdifferenzierung und geschlechtsspezifische Verdienstunterschiede
  • ‚Atypische' Beschäftigungsverhältnisse und geschlechtsspezifische Verdienstunterschiede

Arbeitsmarktpolitik im weiteren Sinne

  • Auswirkungen arbeitsmarktpolitischer Instrumente i. w. S. auf das Geschlechterverhältnis (arbeitsmarktpolitische Maßnahmen i. e. S in der BRD: die Maßnahmen der Bundesanstalt für Arbeit), tarifliche Lohnstrukturpolitik; gesetzliche Mindestlöhne; Förderung eines Niedriglohnsektors; Arbeitsschutzgesetze; Berufsbildungspolitik, insbesondere Konstruktion von Frauen- und Männerberufen; besondere Gruppen: MigrantInnen; ‚mithelfende' Familienangehörige, Schwerbehinderte u. a. m.)
  • Geschlechtsspezifische Auswirkungen der (regionalen) Strukturpolitik der Mittelstandsförderung, sonstiger strukturpolitischer Maßnahmen
  • Auswirkungen von Anti-Diskriminierungs- und Frauenförderungsgesetzen (‚affirmative action') auf Effizienz und Geschlechtergleichheit; internationaler Vergleich (insbesondere USA)
  • Comparable Worth

Finanzwissenschaft

  • Gender Budgeting
  • Auswirkungen der Besteuerung auf die ökonomische Situation der Geschlechter (Einkommensverteilung, Erwerbsangebotsentscheidungen, sonstige Anreizwirkungen)
  • Sozialpolitik
  • Wohlfahrtsregime und Geschlechterverhältnis
  • Geschlechtsspezifische Auswirkungen der sozialen Sicherungssysteme (insbesondere Arbeitslosen-, Renten-, Pflege- und Krankenversicherung)
  • Soziale Dienste, Frauenberufe, Haushaltsproduktion (Pflege/Kinderbetreuung)
  • Geschlechtsspezifische Armutsrisiken, Grundsicherung (Sozialhilfe, ALG II), Alleinerziehende, Kinderarmut
  • Internationaler Vergleich

Verteilung

  • Geschlechtsspezifische Einkommens- und Vermögensverteilung (Einzelfragen siehe in anderen Zellen der Tabelle)

Internationale Beziehungen

  • Messung des Entwicklungsniveaus unter Berücksichtigung der Geschlechterfrage
  • Beschreibung und Erklärung der wirtschaftlichen Rolle und Situation von Frauen in armen Ländern
  • Entwicklung der wirtschaftlichen Situation von Frauen in Transformationsländern
  • Wirtschaftliche Rolle und Situation von Frauen in Schwellenländern
  • Auswirkungen von Exporten/Importen/Direktinvestitionen auf die ökonomische Situation von Frauen, Auswirkungen von Finanzkrisen und der internationalen Finanzpolitik auf die wirtschaftliche Situation von Frauen in Entwicklungsländern
  • Konsequenzen für die Entwicklungs- und Transformationspolitik
  • Migrantinnen
  • Frauenhandel
  • Bevölkerungspolitik
  • AIDS/HIV
  • Kinderarbeit

Formen der Integration der Inhalte der Geschlechterforschung in das Curriculum:

Ein spezifisches "Gender-Modul" ist denkbar und sinnvoll, wie z. B. ein Kurs zur ökonomischen Theorie und Politik des Geschlechterverhältnisses. Ein derartiger Kurs bietet eine gute Möglichkeit, volkswirtschaftliche Kenntnisse und Analysefähigkeiten zu wiederholen und zu vertiefen und die Leistungsfähigkeit vorhandener volkswirtschaftlicher Denkmodelle kritisch zu reflektieren. Weitere eigenständige Module könnten Fragen der Transformation von Wirtschaftssystemen und der wirtschaftlichen Entwicklung unter Gender-Aspekten zum Gegenstand haben. Wie der Gliederung zu entnehmen ist, könnten viele der in einem eigenständigen Modul angesprochenen Themen auch spezialisierten Fach-Kursen zugeordnet werden (z.B. Arbeitsmarkt und Beschäftigung, Finanzwissenschaft, Sozialpolitik, Verteilung, Theoriegeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Entwicklung, Transformation). Allerdings ist das für eine solche Integration in vorhandene Kurse notwendige Personal i. d. R. nicht vorhanden, die meisten KollegInnen sind weder motiviert noch ohne weiteren Arbeitsaufwand qualifiziert, entsprechende Gender-Module in ihre Kurse aufzunehmen. Der Versuch, eine solche Integration zu erreichen, mündet unter den gegebenen Bedingungen aller Voraussicht nach darin, dass die Gender-Problematik "unter den Tisch fällt".

Studienphase:

Ein spezifisches Gender-Modul sollte in der zweiten Studienphase (zweites oder drittes Bachelor-Jahr) angeboten werden, da dazu grundlegende mikro- und makroökonomische sowie statistische Kenntnisse vorhanden sein müssen.

In der für die weitere Sozialisation wichtigen Einführungsphase (1. Jahr) wird die Gender-Problematik vermutlich nur anhand von Beispielen, geschlechterspezifischem empirischen Material, Kritik von Grundbegriffen (z. B. Arbeit, Einkommen etc.), also unsystematisch angesprochen werden (können). Schon dies ist für die Lehrpersonen recht aufwendig, denn die vorhandenen Einführungslehrbücher, insbesondere deutschsprachige, bieten dazu keinerlei (gemeint ist: null) Hilfestellung. Allerdings gibt es mittlerweile ein US-amerikanisches Lehrbuch (Goodwin et. al.), das eine sehr gute Einführung in die VWL bietet und das Geschlechterverhältnis angemessen konzipiert.

In volkswirtschaftlichen Masterprogrammen gibt es so das Personal vorhanden ist eine Vielzahl von Möglichkeiten, Gender-Module oder Gender-Themen zu integrieren (z. B. European-Studies: Vergleich Geschlechterverhältnisse in Europa, Finanzwissenschaft: Gender Budgeting am Beispiel eines konkreten Haushalts etc.)

Schlagworte:

Finanzwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften, Europäische Wirtschaft, Volkswirtschaftslehre, Didaktik der Arbeitslehre, Finance & Information, Informationsorientierte Volkswirtschaftslehre, Arbeitswissenschaft, Europäische Wirtschaft, European Economic Studies, Wirtschaftspädagogik, Gesundheitsökonomie, Philosophy & Economics, Sportökonomie, Wirtschaft Ostasiens, Wirtschaft und Politik Ostasiens, European Labour Studies, Global Brand Management, Business Administration, Information Technology, International Management, Medizin-Management, Arbeitswissenschaft, Wirtschaftsprüfung, Bildungsmanagement, Staatswissenschaften, Business, Economics, Quantitative Economics, International Management of Ressources and Enrivronment, Economics and Politics, Finance, Internet Economics, Ökonomie, Internationale Wirtschaft, Empirische Ökonomik und Politikberatung, Sozialökonomie, Wirtschaftspädagogik-Technik, Global Political Economy, Agrarökonomie, Bildungsökonomie, Gesundheitsökonomie, Mathematische Finanzökonomie, Tourismusmanagement, Wirtschaft- und Organisationswissenschaften, Ökonomische Bildung, Internationales Wirtschaftsrecht und Internationale Wirtschaftsführung, Technisch orientierte Betriebswirtschaftlehre, Technisch orientierte Volkswirtschaftslehre